Warum Essstörungen nicht nur Erkrankte, sondern auch Angehörige betreffen – Ratschläge für Eltern und wichtiger Buchtipp

Es wird oft davon ausgegangen, dass Erkrankte einer Essstörung alles nur mit sich selbst ausmachen. Obgleich das auch zum Teil stimmt, so ist es immer auch eine Angelegenheit der Angehörigen. In diesem Beitrag möchte ich ein paar Ratschläge für Eltern und einen wichtigen Buchtipp mitgeben.

Dieser Beitrag richtet sich in erster Linie an Eltern, Verwandte, Freund*innen oder Bekannte einer betroffenen Person. Denn sobald diese über die Essstörung in Kenntnis gesetzt werden, müssen sie auf irgendeine Weise reagieren. Einige bestehen darauf, so zu tun, als wäre nichts, um die erkrankte Person wie alle anderen zu behandeln. Andere verfallen in einen Kontrollzwang, behalten die Person dauerhaft im Auge und erdrücken sie förmlich mit ihrer Angst und Panik.

Oft heißt es, dass man es gar nicht richtig machen kann, aber das glaube ich nicht. Ich denke nämlich, dass Angehörige – wenn sie sich wirklich informieren – lernen können, so gut wie möglich für eine Person da zu sein. Da dies jedoch selten der Fall ist, machen sie oft dieselben „Fehler“.

In meinem Beitrag „Was die Essstörung mit meiner Familie gemacht hat“ hatte ich bereits erwähnt, dass die Essstörung nicht nur mich, sondern ein Stück weit auch meine Eltern zerstört hat. Vielleicht wäre alles anders gewesen, wenn sie das Buch, das ich gleich vorstellen werde, damals gelesen hätten.

Buchrezension: Iß doch endlich mal normal! von Bärbel Wardetzki

Zum Förmlichen

Das Buch ist im Jahr 1996 erschienen, also schon etwas älter. Das zeigt jedoch nur, dass damals, als noch nicht viel über Essstörungen geredet wurde, der Versuch bestand, über das Thema aufzuklären. Der Schreibstil ist flüssig, wenn auch sehr wissenschaftlich. Es enthält viele Quellenverweise, was es gut recherchiert und authentisch wirken lässt. Obwohl zu Beginn gesagt wird, dass es sich sowohl an Jungs, als auch an Mädchen richtet, ist hauptsächlich von der „Tochter“ die Rede. Auch geht es hauptsächlich um Magersucht und Bulimie – Binge Eating wird in keinem Wort erwähnt.

Der Inhalt

Bärbel Wardetzki beschreibt das typische Familienleben mit einer Tochter mit Essstörung. Der Alltag ist von gegenseitigem Unverständnis, Konflikten, Hilflosigkeit und sehr viel Wut gezeichnet. Kinder leiden und Eltern leiden ebenfalls. Einige Eltern und Betroffene kommen in Zitaten zu Wort, und berichten von ihren gegenseitigen Gefühlen. Dabei empfinden die Eltern häufig eine Ohnmacht und verfallen in einen Sumpf aus Schuldgefühlen, während die betroffenen Kinder völlig am Ende sind, ihre Eltern erpressen, beleidigen, drohen und sonstiges tun, um ihren Willen zu kriegen und die Krankheit auszuleben. Zwischen den Seiten wird klar, welch starke Macht Essstörungen haben und wie sehr sie Familien spalten.

Besonders interessant ist das Verhalten der Eltern. Die Mütter bemühen sich in der Regel um einen gemeinsamen Dialog, während die Väter sich in die Arbeit stürzen und von dem Stress zu Hause zu distanzieren versuchen. In der Biografie „Wie ich verschwand“ von Laura Jungk beschreibt die Autorin einen ähnlichen Alltag mit ihrer Familie (Ich kann euch das Buch übrigens sehr ans Herz legen – es ist unfassbar traurig, aber trotzdem sehr mutmachend ).

Das Buch enthält jedoch auch zahlreiche Tipps, um Eltern zu helfen, ihr Kind so gut wie möglich zu unterstützen. Da ich nicht so viel spoilern will, hier ein paar Tipps von mir:

1. Hört dem Kind zu und sprecht ihm niemals seine Gefühle ab.

Das allerwichtigste ist, ein offenes Ohr für das Kind zu haben. Hört zu und wertet nicht. Manchmal geht es dem Kind nur darum, sich mitzuteilen. Sprüche wie „Ach, so dick bist du gar nicht“ oder „Hör auf, so zu denken“ bringen nichts. Dem Kind sollten niemals seine Gefühle abgesprochen werden. Wenn es sich zu dick oder zu hässlich fühlt, dann ist das so. Es wird sicher nicht anfangen, sich plötzlich nicht mehr dick zu fühlen, nur weil ihr es ihm sagt.

2. Übt keine Kontrolle aus.

Ebenfalls wichtig ist es, das Kind nicht zu erdrücken. Fühlt sich das Kind dauerhaft kontrolliert, kann es sich niemals frei entfalten und wird ständig nach heimlichen Wegen suchen. Nicht selten sorgt zwanghafte Kontrolle dafür, dass sich die Symptome des Kindes sogar verschlimmern.

3. Behandelt euer Kind nicht wie einen Junkie.

Ja, das Kind ist krank, aber es ist mehr als nur die Essstörung. Auch, wenn es manchmal so scheinen sollte, als würde der Alltag nur noch aus Hungern, Essanfällen und Erbrechen bestehen, so steckt dahinter trotz allem noch ein Mensch mit Gefühlen. Als meine Eltern anfingen, Essen vor mir zu verstecken, gaben sie mir damit unterschwellig das Gefühl, ich sei ein wildes Tier, das sich nicht kontrollieren könne. Sie meinten es nur gut, aber es tat trotzdem weh.

Im Buch befinden sich noch viele weitere wichtige praktische Tipps, um das Leben des Kindes zu erleichtern und sich selbst zu helfen. Denn wie bereits gesagt betrifft eine Essstörung nie nur die Erkrankten, sondern auch alle Angehörigen.

Ich kann allen Eltern und Angehörigen nur raten, sich dieses Buch zu besorgen.

Ich fand es wirklich aufschlussreich. Erkrankten selbst würde ich es eher nicht empfehlen, da es sehr hart geschrieben ist und triggern könnte.

iss_doch_endlich_mal_normal

Kanntet ihr das Buch schon? Und habt ihr noch andere Buchtipps, die sich speziell an Angehörige richten? 

*Dieser Blogpost ist nicht gesponsort, enthält jedoch affiliate Links und Werbung wegen Namensnennung. Das Buch ist mir als Rezensionsexemplar zugestellt worden.

2 Kommentare zu „Warum Essstörungen nicht nur Erkrankte, sondern auch Angehörige betreffen – Ratschläge für Eltern und wichtiger Buchtipp

  1. Verständnis von Angehörigen für psychische Erkrankungen eines Familienmitglieds sind essentiell für dessen Genesung. Noch besser wäre VERSTEHEN. – Das ist freilich unglaublich schwer, wie die Praxis immer wieder zeigt. –

    Es wäre schön und wichtig, wenn Bücher, wie das hier vorgestellte, mehr Zugriff durch Angehörige von psychisch erkrankten Menschen erführen. Denn damit finge ein Verstehenwollen wohl an …

    Viele, nur ganz liebe Grüße an Dich, liebe Mia. 💖🙂

    Gefällt 1 Person

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