Der Unterschied zwischen „Essstörung“ und „essgestörtes Verhalten“

Habe ich eine Essstörung? Diese Frage stellen sich viele Betroffene und nicht Betroffene. Ich selbst bin keine Fachkraft und kann die Diagnose unmöglich für andere erstellen, möchte euch aber trotzdem meine persönliche Unterscheidung zwischen „Essstörung“ und „essgestörtem Verhalten“ aufzeigen.

Es braucht keine*n Psychiater*in, um die Diagnose Essstörung zu stellen. Wenn eine Person sich nach dem Essen übergibt, muss ihr kein*e Therapeut*in sagen, dass sie Bulimie hat. Aber wie sieht es mit essgestörtem Verhalten aus? Ist sie dasselbe wie eine Essstörung? Kann man nur das Eine oder das Andere haben? Treten beide Phänomene immer zusammen auf?

Lange Zeit wusste ich selbst keine Antwort auf diese Fragen. Erst mit der Zeit wurde mit klar, dass genau wie zwischen einer Depression und depressiven Phasen ganz klar zwischen einer Essstörung und essgestörtem Verhalten unterschieden wird.

Essstörung

Eine Essstörung ist eine psychische Krankheit, deren Symptome sich in restriktiver Ernährung, also (viel) Essen oder nicht Essen auszeichnen. Im Kopf dreht sich alles um Essen, oft auch um den Körper. Die Ursachen sind allerdings psychische und suchen ihr Ventil im Essverhalten. Was jedoch alle vereinen, sind negative Glaubenssätze. Hier ein paar Beispiele:

Negative Glaubenssätze

Ich bin nicht genug.

Ich bin hässlich.

Ich werde nicht gesehen/gehört.

Ich bin eine Versagerin.

Ich bin nicht liebenswert.

Traumata sind ebenfalls eine häufige Ursache von Essstörungen. Ebenfalls kann es sein, dass Essstörungen mit anderen psychischen Krankheiten korrelieren. Beispielsweise kann eine Depression dazu führen, dass die Krankheit auch zusätzlich in eine Essstörung übergeht – oder andersherum.

Je tiefer man reinrutscht, desto düsterer wird die Krankheit. Das Essen oder nicht Essen, sowie die Beobachtung seines Körpers (zum Beispiel ständig auf die Waage steigen) werden zum Zwang. Die Stimme des Körpers wird ausgeschaltet. Betroffene verlieren ihr Sättigungsgefühl oder werden süchtig nach Hunger. Einige essen so viel, bis sie glauben zu platzen, einige so wenig, dass sie es selbst dann nicht tun, wenn sie vor Hunger in Ohnmacht fallen.

Raus aus der Essstörung

Der Weg der Recovery ist lang und mühselig. Viele arbeiten zuerst nur an dem Problem „Essen“, dabei gilt es, die wahren Ursachen zu ergründen und zu beheben. Es braucht viel Geduld, viele Versuche und viel Akzeptanz.

In meinem Fall hat es mir sehr geholfen, mein toxisches Umfeld zu verlassen und negative Grundannahmen, wie „Ich bin wertlos“ abzulegen. Eine Psychotherapie war mir auf diesem Weg eine wunderbare Unterstützung. Ebenfalls hilfreich für mich war es, eine Sport Pause einzulegen, um mich dadurch nicht noch mehr auf meinen Körper zu fixieren.

Essgestörtes Verhalten

Wie der Begriff schon sagt, ist bei diesem Phänomen das Verhalten durch ähnliche Symptome wie bei der Essstörung gekennzeichnet. Fasten, Heißhunger, Essanfälle, oder auch herbeigeführtes Erbrechen zählen demnach dazu. Warum noch nicht von einer Essstörung die Rede ist, liegt daran, dass das Essverhalten noch eher als Verhalten klassifiziert wird, was bei Erkrankten einer Essstörung das ganze Leben ausmacht. Zudem muss das essgestörte Verhalten nicht mit einem psychischen Grund in Zusammenhang gebracht werden (kann aber). Manchmal ist gestörtes Esssverhalten aber auch schon die Unterkategorie einer Essstörung – die Vorstufe sozusagen.

Besonders erstaunlich (und bedenklich) ist, dass essgestörtes Verhalten inzwischen „mainstream“ geworden ist. Immer mehr Menschen verzichten im Alltag auf eine Mahlzeit, halten Diäten ein, machen das Intervallfasten und streichen „Ungesundes“ aka Kalorienreiches aus ihrem Speiseplan. Andersherum leben wir in der westlichen Welt im radikalen Überfluss und essen ohnehin meist zu viel und kalorienreich.

Hier noch ein sehr schöner Kommentar aus der Instagram Community, der essgestörtes Verhalten gut zusammenfasst: Nicht jede*r mit essgestörtem Verhalten hat eine Essstörung, aber jede*r mit einer Essstörung hat ein essgestörtes Verhalten.

Ist essgestörtes Verhaltes etwas Gefährliches?

Kommt drauf an. Anorexie, sprich die Appetitlosigkeit (Achtung: Nicht mit Anorexia Nervosa – Magersucht zu verwechseln) ist schon sehr ungesund. Der Körper zeigt keine Symptome von Hunger, was dazu führt, dass der Mensch immer weniger isst. Das kann auf Dauer schon sehr ungesund werden, genau wie häufiges Überessen schädlich für den Magen und das Sättigungsgefühl sein kann. Natürlich trägt der Mensch in beiden Phänomenen auch körperliche Folgen nach sich. Außerdem habe ich ja schon erwähnt, dass gestörtes Essverhalten in eine Essstörung übergehen kann (aber nicht muss). Also ja, ich glaube, dass essgestörtes Verhalten für Körper und Seele gefährlich werden kann.

Aber es muss auch nicht. Es kann eine Phase sein und bleiben. Es kann sogar chronisch sein und keine langfristigen Folgen nach sich ziehen. Außerdem möchte ich niemandem etwas vorschreiben und schon gar nicht erst für die Allgemeinheit urteilen. Jede*r macht die Regeln für seinen*ihren eigenen Körper aus.

Raus aus dem essgestörten Verhalten

Im Gegensatz zu einer Essstörung, die das ganze Leben einnimmt, ist es leichter, das Verhalten oder die Gedankenstrukturen von essgestörtem Verhalten abzulegen – danke für die Ergänzung woerterkonfetti!<3 Aber das bedeutet natürlich nicht, dass es generell einfach ist.

Um sich vom essgestörten Verhalten zu befreien, braucht es viel Selbstreflexion. Die jeweiligen Person müssen ihr „Problem“ – wenn sie es als solches betrachten – eigenständig wahrnehmen und ändern wollen.

Wie sie das essgestörte Verhalten am besten ablegen, ist ihnen überlassen. Einigen hilft es, eine radikale 180 Grad Wende zu machen, andere brauchen erst Silvester, um fürs neue Jahr eine neue Seite aufzuschlagen. Wieder andere gehen es langsam an, machen kleine Schritte und setzen sich ein langfristiges Ziel in der Zukunft. Phasen sind immer leichter zu bewältigen als dauerhafte Strukturen.

Habt ihr noch weitere Ergänzungen? Oder Argumente, mit denen ihr meine Theorien widerlegt? Falls ich etwas ändern/verbessern soll, sagt es mir gerne! ♥️

3 Kommentare zu „Der Unterschied zwischen „Essstörung“ und „essgestörtes Verhalten“

  1. Der Beitrag ist unglaublich gut und ausführlich gelungen ♥️

    Eine kleine Anmerkung noch: ich glaube, dass man bei nicht krankhaftem essgestörten Verhalten noch erwähnen könnte, dass es im Vergleich zu krankhaft essgestörtem Verhalten (oft) leichter ist, einen Weg aus den Gedanken/Verhalten zu finden, während man bei Essstörungen oft noch mit den korrelierenden Symptomen und Krankheiten sowie Glaubenssätzen umgehen muss und eine Veränderung auf der einen Seite oft zu einer Reaktion bei anderen Symptomen führen kann. Aber das ist echt ein einziger Punkt 😀

    Und ich finde es super gut, dass du nochmal zwischen Anorexie und Magersucht unterschieden hast – ich glaube, den meisten Menschen ist dieser Unterschied gar nicht bewusst.

    Liebe Grüße 🤗

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  2. Ich kann deine Theorie nicht wiederlegen, sondern nur bestätigen. Anderereits möchte ich gern auf die „Mitte“ hinweisen. Story dazu: Ich litt von 16 bis 20 Jahren an Magersucht und habe mich letztlich durch ein stabiles Netzwerk selbstständig daraus befreit. Da ich keine Therapie gemacht habe, blieb es aber über lange Zeit bei einem … wie du es hier nennst gestörtem Verhältnis zum Essen. Danach folgte die „Kein Verzicht“ Phase, wobei ich immer mal wieder zurück driftete in die „Oh nein, jetzt ists aber doch was zu viel geworden und meine Sachen passen nimmer“ Schiene ab. Also Diät. 5 Kg runter. Alles wieder gut. Kann normal weiter gehen. Vor kurzem hatte ich eine extrem Situation die mich Emotional katastrophal aus der Bahn geworfen hat. Totaler Kontrollverlust. Und nach über 18 Jahren, glitt ich tatsache wieder in die Magersucht/Brechsucht ab. Das war leicht. Kontrolle! Brauche Kontrolle. Wenn ich schon nichts anderes Kontrollieren kann, dann doch mich selbst! Reizdarm und Magen hat es mir zusätzlich leicht gemacht und nach 4 Wochen war ich 10 kg leichter. Mittlerweile sind es 15 Kg. Als Mensch der ich bin, hab ich die Mechanismen relativ schnell erkannt, ebenso wie die Trigger, die diesem Verhalten zugrunde liegen und konnte entsprechend dagegen an steuern. Derzeit bewege ich mich im essgestörten Bereich und beobachte mich selbst von einem stillen Plätzchen aus. Mein Kopf weiß, das alles wieder in Ordnung ist aber die Emotionalität, gekoppelt mit der Psyche hat sich so tief in die Eingeweide meines Körpers gefressen, dass er automatisch bestimmte Nahrungsmittel ablehnt, was in Übelkeit und Erbrechen endet. Soll heißen: Emotional bin ich wieder stabil. Aber mein Magen leider nicht; Was mit Sicherheit auch an der vierwöchigen Akutphase liegen dürfte, die ich trotz besseren Wissens zugelassen habe. Geht schnell Dinge, die gut waren, wieder kaputt zu machen. Blöd. Letztlich bewege ich mich derzeit also irgendwo dazwischen. Ein Bein hier und ein Bein dort. Hätte ich ein drittes, stünde das auf festem Boden. Angst macht mir das Übrigens nicht. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass ich einfach nur abwarten muss und sich alles wieder in den „Normalzustand“ einpendeln wird. Nur pushen darf ich nicht. Aber da tickt jeder Mensch anders, weshalb das alles hier keine Allgemeingültigkei besitzt. Lg Tally ❤

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