„Geteiltes Leid ist halbes Leid“ – Warum es in der Recovery wichtig ist, sich anderen anzuvertrauen

Die meisten Betroffenen halten ihre Essstörung geheim. Niemand will von Menschen, die nicht wissen, wie es einem geht, verurteilt werden. Dennoch finde ich es unsagbar wichtig und für die Heilung fördernd, sich anderen anzuvertrauen.

Früher habe ich mich niemandem anvertraut, sondern alles in mich hineingefressen. Diese Redewendung ist so ironisch und treffend, weil sie wahr ist. Ich fraß alles in mich hinein, später auch wortwörtlich. Irgendein Ventil braucht man immer, sonst explodiert man. Ich entschied mich leider für das falsche.

Heute ist das zum Glück nicht mehr so. Wann immer ich vor einem großen Problem stehe, teile ich mich anderen mit – einerseits, um Dampf abzulassen, andererseits, um aufgefangen zu werden.

Sich anderen anvertrauen – Vor- und Nachteile

Ich möchte euch nicht irgendwelche Lügen auftischen und weismachen, dass alles besser werden wird, wenn ihr euch erst mal anderen öffnen werdet. Das wird es nicht. Sicher werden euch einige schwierige Gespräche bevorstehen und die ein oder anderen Auseinandersetzungen auf euch warten. Ich sage auch nicht, dass ihr es jedem Menschen aus eurem Leben zwingend sagen MÜSST – wenn ihr das Gefühl habt, dass eine Person partout nicht damit umgehen wird, dann lasst es besser bleiben.

Es gibt allerdings zwei gute Gründe, sich doch zu öffnen:

1. Das Versteckspiel wird aufhören.

Das Leben mit einer Essstörung gleicht manchmal einem Doppelleben. Immer wieder müsst ihr euch auf bestimmte Situationen einstellen, die euch nicht behagen, und trotz allem die Fassade wahren. Zudem führen Geheimnisse zu einer Kettenreaktion anderer Folgen: Einsamkeit, Wunsch nach einem Ventil, Heißhunger, Essattacken, …

2. Ihr gebt euren Mitmenschen die Chance, für euch da zu sein.

Der Weg aus einer Essstörung ist hart und ich weiß, wie viele sich etwas Hilfe und Unterstützung wünschen. Vielleicht bekommt ihr sie – wenn ihr euch öffnet. Am Anfang wird es sicher für alle Parteien etwas schwer sein, aber danach werden euch eure Mitmenschen hoffentlich mit mehr Rücksicht gegenübertreten.

Doch natürlich gibt es auch die Möglichkeit, dass das Gegenüber nicht so reagiert, wie erwartet…

Was, wenn meine Freund*innen schlecht darauf reagieren werden?

Leider haben nicht alle so gut reagiert, wie ich es mir gewünscht habe. Obwohl ich ihnen etwas so Wichtiges anvertraut hatte, sprachen sie mich nie wieder darauf an. Vielleicht wussten sie nicht wie, vielleicht meinten sie es nicht böse. Fakt ist, dass ich trotzdem verletzt war. Sich vor einem anderen derart zu „entblößen“ und daraufhin „nackt“ zurückgelassen zu werden, ist beschämend und unangenehm.

Doch auch aus dieser Situation habe ich gelernt. Gelernt, den Mund zu öffnen und in einen Dialog mit einer anderen Person zu gehen. Ich kann schließlich nicht erwarten, dass andere meine Gedanken lesen können.

Und diejenigen, die trotzdem ignorant blieben … nun ja, die sind mittlerweile nicht mehr länger Teil meines Lebens. Aber wisst ihr was? Das ist okay! Es kommt nicht auf die Anzahl der Freund*innen an, sondern auf ihren Wert. Und ein*e wirklich gute*r Freund*in, ist so viel besser, als zehn „schlechte“.

Was, wenn meine Familie schlecht darauf reagiert?

Sich der Familie anzuvertrauen, ist manchmal noch schwerer als bei Freund*innen. Diese kann man nämlich nicht einfach in den Wind schießen, wenn sie einem nicht zusagt. Je jünger man ist, desto abhängiger ist man von seinen Eltern. Wenn sie einem weismachen wollen, dass man gar nicht krank ist („Ach, das bildest du dir nur ein“, „Du bist  vermutlich nur in der Pubertät“, „Alle Mädchen achten auf ihre Figur“) dann ist die Versuchung groß, ihnen zu glauben – es sind schließlich die Eltern.

Auch meine Familie hat nicht ideal reagiert (und das ist noch schön ausgedrückt). Es war anfangs wirklich hart, aber was ich brauchte, war sehr viel Akzeptanz. Ja, meine Familie hat vieles nicht verstanden. Kann ich das ändern? Nein. Kann ich ändern, wie ich damit umgehe? Ja. Hat das Versteckspiel ein Ende? Ebenfalls ja.

Was, wenn mein*e Partner*in schlecht darauf reagiert?

Mein Freund hat gleich zu Beginn unserer Beziehung von meiner Essstörung erfahren (durch Zufall). Damals war es mir unsagbar unangenehm, dass er etwas so Privates gleich wusste. Doch im Nachhinein bin ich froh darüber, weil es von Anfang an kein Versteckspiel gab. Hätte er damals nicht gut darauf reagiert, hätte es vermutlich nicht mit uns funktioniert.

Und genau das ist der Punkt: Wenn euer*eure Partner*in kein Verständnis zeigt, ist die Beziehung meiner Meinung nach zum Scheitern verurteilt. Natürlich kann er*sie anfangs überfordert sein und viele Fragen haben. Aber gar kein Verständnis zu haben, zeugt nicht von Empathie. Und ihr braucht Empathie. Und Unterstützung von einem Umfeld, das nicht toxisch ist.

Härteres Fell zulegen

Ich glaube, dass ein Prozess der Recovery auch das Zulegen eines dickeren Fells ist. Sensibelchen wie ich sind nämlich ziemlich schnell traurig und gekränkt. Aber da ich nicht erwarten kann, dass jede*r mich blind verstehen wird, muss ich lernen, auch mit negativen Reaktionen umzugehen. Ebenfalls lernen muss ich, immer auf mich zu hören und nicht fremdgesteuert zu sein. Wenn ich glaube, dass es mir nicht gut geht, dann ist das so. Wenn andere das Gegenteil behaupten, sollen sie sich, salopp gesagt, ins Knie f****.

Lange Rede, kurzer Sinn: Vertraut euch anderen an.

Es gibt keinen Grund für euch, irgendwas zu verschweigen. Eine Krankheit ist nichts Schlimmes und ihr seid es auch nicht!♥

Habt ihr euch anderen anvertraut? Wie fielen die Reaktionen aus?

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