Wie wirkt sich Veganismus in der Recovery aus?

Nein, Veganismus ist keine Diät. Dennoch hat die Ernährungsform einige Spannungsfelder, besonders, was Essstörungen angeht. In diesem Beitrag möchte ich mit euch teilen, wie sich Veganismus in der Recovery auswirkt.

Das Thema Veganismus und Essstörung ist das reinste Mienenfeld. Ich habe mich deshalb um eine möglichst sensible Wortwahl bemüht und hoffe, dass ich niemandem auf die Füße treten werde.

Eigentlich ist vegane Ernährung etwas Großartiges. In Zeiten des Klimawandels gibt es kaum etwas Wichtigeres, als die Viehzucht einzudämmen. Auch aus moralischer Sicht – Stichwort: Massentierhaltung – ist der Verzicht auf tierische Produkte ethisch wertvoll. Überhaupt ist es absurd, nicht vegane Ernährung als „normal“ zu bezeichnen und alles andere zu betiteln.

Warum will ich vegan leben?

Als Erstes möchte ich klarstellen, dass immer darauf ankommt, welche Intention hinter Veganismus steht. Wenn es um die reine Überzeugung geht, keine Produkte zu verzehren, wenn nichts vermisst wird und es auch nicht ums Abnehmen geht, sehe ich keine Bedenken. Viele Betroffene haben sich schon vor der Essstörung vegan ernährt und sehen keinen Auslöser darin.

Und doch kann es sein, dass vegane Ernährung in Kombination mit einer Essstörung fatale Folgen haben kann. Es gibt eine erstaunlich hohe Anzahl an Betroffenen, die sich vegan ernähren. Zufall? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Ich will damit nicht sagen, dass vegane Ernährung zu einer Essstörung führen kann, ich will es aber auch nicht abstreiten. Zumindest nicht, ohne sich das große Ganze anzusehen.

In meinem Beitrag „Warum ich für meine Genesung nicht vegan lebe“ habe ich bereits geschrieben, warum ich mich persönlich gegen eine vegane Ernährungsweise entschieden habe. Diesmal jedoch möchte ich das Thema ausweiten und untersuchen, wie sich Veganismus auf die Recovery auswirken kann.

Bin ich krank?

Mit dieser Frage fängt eigentlich alles an. Betroffene wissen oft nämlich nicht, dass sie überhaupt ein Problem haben. Bei mir war es so, dass ich mir monatelang meinem vermeintlich „gesunden“ Lebensstil eingeredet habe, ohne zu begreifen, dass das, was ich tat, nicht gesund war. Die Essstörung kann sich also unter dem Deckmantel einer bestimmten Ernährungsweise ihren Weg bahnen und ihn durch den neuen Lebensstil verschleiern. Das ist nicht immer so, kann aber passieren. Ich rate euch daher, nicht während der Recovery ganz neu mit veganer Ernährung zu starten.

Dazu ein wichtiges Zitat, das mir eine Leserin auf Instagram geschrieben hat und ich nur unterstreichen kann:

„Ich persönlich sehe es kritisch, während der Recovery eine neue Ernährungsform zu beginnen, da der Körper erstmal wieder lernen muss, dass er ausreichend versorgt wird. Veganismus kann der Versuch sein, zwanghaft gesund zu leben und bestimmte Lebensmittel zu vermeiden oder eben aus einer inneren Überzeug passieren. Es kann sowohl dazu dienen, dass sich die Person Dinge und Lebensmittel, die der Körper eigentlich verlangt, verbietet.“

Wie wirkt sich Veganismus in der Recovery aus?

Die Recovery ist eine anstrengende Heilphase. Betroffene versuchen dem Teufelskreis zu entkommen und das Essen neu erlernen. Der Prozess ist mühselig und erfordert viel Geduld. Es mag vielleicht so erscheinen, dass Veganismus in der Recovery leichter ist (weil man sich weniger Lebensmitteln stellen muss), doch das Gegenteil ist der Fall.

1. Essstörung, Veganismus und die „Verbots“-Liste

Ob nun Magersucht oder Binge Eating – alle Betroffenen haben Produkte, zum Beispiel Süßigkeiten oder andere kalorienreiche Produkte, die ihre Krankheit ihnen verbietet. Ihre Auswahl an Essen ist demnach beschränkt und Veganismus halbiert ihre Verfügbarkeit ein weiteres Mal. Inzwischen gibt es zwar ein großes Sortiment an Fleisch Ersatz und Ähnlichem, doch auch dieses gehört aufgrund seines hohen Kaloriengehalts oft auf die Verbotsliste.

2. Essstörung, Veganismus und Zwang

Bei Essanfällen werden sämtliche erlernte Regeln über Bord geworfen. Es geht nicht mehr ums Produkt, oder ob es schmeckt, oder kalt oder warm gegessen wird. Lediglich geht es um den Zwang, dem man einfach nicht nachgeben kann.

Einer meiner Tiefpunkte war, dass ich einmal, als es nichts anderes mehr zu essen gab, sogar zum Schweinefleisch griff, obwohl ich mein ganzes Leben lang kein Schwein gegessen hatte und eigentlich auch nie das Bedürfnis danach hatte. Doch in meinem Rausch konnte ich nicht klar denken – ich musste einfach nur essen. Die Schuldgefühle waren wie zu erwarten hoch und zerrissen mich innerlich. Deshalb kann jedes Essens-Verbot, und sei es auch nur der Verzicht auf eine Gurke, bedenklich sein.

3. Essstörung, Veganismus und Mangelernährung

Vegane Ernährung muss keine Mangelernährung sein, solang wichtige Nährwerte wie Eisen oder Calcium weiterhin eingenommen werden. Allerdings leiden Betroffene ohnehin schon unter starker Mangelernährung, besonders jene mit Magersucht und Bulimie. Ich hatte schonmal über meine sogenannte „Fleisch-Phase“ geschrieben, in der meinem Körper so viele Nährstoffe fehlten, dass mein Körper förmlich nach Fleisch lechzte. Der Körper wollte sich zurücknehmen, was ihm fehlte – so sehr, dass ich von der Magersucht ins Binge Eating rutschte.

Mein Vorschlag: Erst die Heilung, dann der Veganismus

Veganismus macht erst dann Sinn, wenn er erfüllend ist und einem nicht gesundheitlich schadet. Ich empfehle allen Betroffenen daher, sich zunächst auf die Recovery zu konzentrieren und gesund zu werden. Es ist wichtig, essen zu können, ohne Kontrollsucht, Kontrollverlust oder einen Zwang zu verspüren. Aber wie gesagt gilt das nur für die Menschen, die nicht nur aus reiner Überzeugung vegan leben, sondern einen weiteren Grund darin sehen, sich möglichst „gesund“ und kalorienarm zu ernähren.

Übrigens bin ich etwas geschockt darüber, wie wenig seriöse Informationen ich im Netz zu diesem Thema gefunden habe. Es gab keinen Artikel, den ich wichtig genug fand, um ihn zu verlinken. Wenn ihr aber was finden solltet, würde ich mich sehr freuen, wenn ihr es mit mir teilt!

Was ist eure Meinung zu dem Thema Veganismus in der Recovery? Habt ihr einen ähnlich kritischen Ansatz oder seht ihr das völlig anders?

PS.: Falls ich mich irgendwo falsch oder unsensibel ausgedrückt habe, dann sagt es mir bitte! Ich bin gern bereit, nochmal in meinen Text zu gehen und Änderungen vorzunehmen! 🙂

8 Kommentare zu „Wie wirkt sich Veganismus in der Recovery aus?

  1. Danke für diesen wundervollen Beitrag – und dafür, dass du auch die Kommentare und Meinungen aus deiner Insta-Community mit einbeziehst.

    Was mir gerade noch eingefallen ist: nicht vegan leben ist keine Schande, auch wenn man diesen Eindruck manchmal in den sozialen Medien oder auch in einem alternativeren Umfeld gewinnen kann. Klar hat Veganismus auch viele umwelttechnische und teils auch gesundheitliche Vorteile – wenn man von einem gesunden Körper ausgeht – und trotzdem sollte man sich nicht von außen ein schlechtes Gewissen einreden lassen, wenn man eben nicht vegan lebt. Immerhin sorgt schon die Essstörung für genügend Gewissensbisse.

    Zum zweiten Punkt, dass du einmal zu Schweinefleisch gegriffen hast: Ich kann da so sehr mitfühlen! Ich lebe seit vielen Jahren vegetarisch und vermisse Fleisch gar nicht, aber es ist mir in Essanfällen auch schon ein oder zwei Mal passiert, dass ich Lebensmittel mit einem kleinen Fleischanteil konsumiert habe (weil ich es kostenlos im Fairteiler bekommen habe und so nichts für den Essanfall zahlen musste). Ich habe mich danach so unsagbar schäbig und schuldig gefühlt, dass ich dachte, dass es mich verrückt machen würde.

    Liebe Grüße!

    Gefällt 2 Personen

    1. Okay blöde Frage: bist du die Person, die mir neulich ganz viele ausführliche und tolle Gedanken zu dem Thema geschrieben hat? Ich war nicht sicher wegen des Namens. Aber wenn ja – soll ich dich dann beim nächsten mal als woerterkonfetti zitieren oder ist fühlst du dich anonym wohler?

      Gefällt 2 Personen

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