Essstörungen und Scham:  Darüber schreiben statt sprechen – Gastbeitrag von Laura Späth

Neulich habe ich euch das wundervolle Buch „About Shame“ von Laura Späth vorgestellt! Sie selbst hat ebenfalls eine Essstörungsvergangenheit und erklärt euch im heutigen Gastbeitrag, warum es trotz der tiefen Scham, die mit der Krankheit einhergeht, trotzdem wichtig ist, über sie zu reden!

Warum sprechen, wenn ich darüber schreiben kann?

Schreiben über die Essstörung. Wie schreibt man über eine Essstörung? Warum schreibt man, warum schweigt man, was macht es aus (nicht) darüber zu sprechen? Wie hängen Scham, Essstörung und Schreiben miteinander zusammen?

Über das Schreiben und Schweigen

Vor zwei Jahren habe ich fast täglich öffentlich, für alle einlesbar über meine Essstörung geschrieben. Habe versucht, meiner Scham dadurch irgendwie beizukommen und irgendwann bemerkt, dass Schreiben Gespräche nicht ersetzen kann. Dass die liebevollen Kommentare auf dem Blog über meine Essstörung nicht die ehrliche Kritik, aber auch die aufrichtige Sorge ersetzen können, die das Umfeld einer gibt.

Zuerst wollte ich durch meinen Blog mit einigen Mythen über Essstörungen aufräumen, weil auch meine Essstörung so weit weg war von jeder Erzählung über Essstörungen, die ich bisher gehört hatte, die diese Krankheit mitunter oft romantisieren oder als etwas darstellen, das irgendwie ästhetisch sei. Ich wollte mir Raum nehmen, einen Raum im Internet, der nur mir und der Auseinandersetzung mit meiner Essstörung dienen würde. Ich wollte meine Therapie dokumentieren, um dem Stigma über therapeutische Behandlungen etwas entgegenzusetzen. Und ich hatte das Gefühl, ich könnte mir nur durch das Schreiben, das an keine konkrete Person gerichtet ist, Ausdruck verschaffen.

Ich füllte den Blog mit Erkenntnissen aus meiner Therapie und anderen Erfahrungen, erzählte von den Ursachen und Auslösern der Essstörung, von ihren Effekten und Folgen. Ich hackte meine Gefühle in die Tastatur, immer ehrlicher, offener, schonungsloser. Ich schrieb über Selbstverletzung, Depressionen, Suizidgedanken.

Während all der Zeit habe ich über genau das nicht gesprochen. Der Beitragszähler, die Blogstatistik waren Publikum genug und ich dachte: Warum darüber sprechen, wenn man auch darüber schreiben kann? Manchmal ist es sehr viel leichter über das zu schreiben, wofür wir uns schämen, als es vor jemandem auszusprechen. Und das liegt in Teilen im Gefühl der Scham selbst begründet.

Scham als Leitaffekt einer Essstörung

Kurzer Exkurs zu Scham und Essstörungen: Alles an einer Essstörung kann Scham sein: Die Ursache und der Beginn haben oft mit schamvollen Erfahrungen zu tun, seien es Ausgrenzung, Bodyshaming oder Situationen, in denen die Scham eine:n überwältigt und aus denen ein ungeheures Bedürfnis danach erwächst, wieder die Kontrolle über das eigene Leben zu erlangen. Laura, merken: Kontrolle über den Körper ist nicht gleich Kontrolle über das Leben. Schon gar nicht, wenn eine Essstörung die Zügel in der Hand hat.

Scham lässt sich auch als „Leitaffekt“ hinter einer Essstörung bezeichnen.

Sie hält die Essstörung am Leben und sorgt möglicherweise auch noch für den ein oder anderen Nebeneffekt. Scham isoliert, vereinzelt. Sie macht uns schweigsam und lässt uns glauben, wir wären die einzigen, die so empfinden, so fühlen, so leben, eben so sind. Dadurch kann sie zu depressiven Verstimmungen beitragen, zum Verlust des sozialen Umfeldes, zu Antriebslosigkeit und der Vorstellung, wir seien nichts wert.

Genauso, wie Schamgefühle die Essstörung befeuern, verstärkt die Essstörung Schamgefühle: Dafür, dass wir nicht so essen, aussehen oder sein können, wie andere. Dafür, dass wir Bedürfnisse haben, dass wir uns schlecht und krank fühlen, dass wir die Kontrolle über unseren Körper und Alltag verloren haben. Viele Menschen schämen sich für ihr psychisches Leiden. Lauter werden die Stimmen, die klarmachen, dass es dabei nicht um ein individuelles Versagen geht, sondern um viele Faktoren, auch gesellschaftlich-politische, zum Beispiel den überall präsenten Leistungsgedanken oder vollkommen absurde Schönheitsideale.

Der Blick des Umfelds

Ich war der festen Überzeugung, mich nicht mehr für das zu schämen, was ein so großer Teil von mir ist: Die Essstörung. Sonst würde man ja nicht darüber schreiben, oder? Sonst würde ich ja mein psychisches Innenleben nicht so offenherzig verschriftlicht nach außen kehren?

Irgendwann ist mir aber aufgefallen, dass ich beginne unzusammenhängende Wortphrasen auszuspucken, wenn mich Menschen nach der Essstörung fragen. Dass ich keine Antworten auf ihre Fragen habe, dass ich sofort rot werde, dem Blick meines Gegenübers ausweiche und fluchtartig Reißaus nehme, wenn mich Menschen auf irgendetwas ansprechen, das im Entferntesten mit der Essstörung zutun hat. Ich bemerke, dass ich nicht mit meiner Familie über die Erkrankung sprechen kann, obwohl sie davon wissen.

Und ich glaube, dieses so verschiedene Verhalten hat viel mit Scham zutun und mit dem Blick, der sie hervorruft: Den Blick der unbekannten Lesenden habe ich nicht gesehen. Aber von meinem Umfeld musste ich (zum Glück!) auch kritische Nachfragen erwarten, ich musste erwarten, dass ihr Blick auf mich meinem Blick auf mich widerspricht und dass es zum Konflikt kommt. Und der Blick meiner Familie, meiner Freund:innen war und ist mir unfassbar wichtig. Gerade vor den Menschen, die ich tagtäglich sehe, mit denen ich viel zutun und teilweise lebenslange, enge Bindungen habe, gerade vor ihnen wollte ich nicht dastehen, wie eine Person, die sich „nicht im Griff“ hat.

„Sich nicht im Griff haben“ ist im Kontext von Gesundheit eine besondere Figur: Sich nicht um sich selbst kümmern zu können, nicht alleine und eigenverantwortlich mit dem eigenen Leid umgehen zu können, ist in unserer Gesellschaft unfassbar schambehaftet. Viele Menschen mit unterschiedlichen Erkrankungen berichten von dieser Scham und sie gewinnt an Intensität, je mehr uns beigebracht wird, wir seien für unsere Körper und unser psychisches Wohlergehen selbst verantwortlich. Diese Schamform ist eine, die mich in besonderem Maße dazu bringt, nicht über die Essstörung zu sprechen, sondern zu schreiben. Zu beschämt wäre ich, mir vor meinen Freund:innen und meiner Familie eingestehen zu müssen, dass ich, die doch nach außen hin immer so unerschütterlich wirkt, gerade an einer Essstörung zerbreche.

Die Schamspirale brechen – und endlich über die Essstörung sprechen

Wirklich signifikant hat sich an meiner Essstörung erst etwas verändert, als ich angefangen habe, zusätzlich zu dem vielen Verschriftlichen aller möglichen Gedanken und Gefühle ernsthaft sprachlich nach außen zu gehen. Auch den Freund:innen davon zu erzählen, von denen ich weiß, dass sie damit keine Erfahrungen gemacht haben. Mich den Fragen zu stellen, die meine Familie hatte, gar nicht weil sie mich mit so vielem konfrontieren wollten, sondern weil sie nicht wussten, wie sie mit der Essstörung umgehen sollten.

Darüber zu sprechen, ist unangenehm, ja.

 Ich wurde rot, ich konnte oft Menschen dabei nicht in die Augen schauen, klare Sätze formulieren oder überhaupt meine diffusen Gedanken in eine verständliche Form bringen. Das ist aber auch nicht der Job. Das ist nichts, was man von Anfang an und zu jeder Zeit können muss. Es muss genug sein, sich erst einmal hinzusetzen und zu sagen: „Hier ist ein Problem.“ In dem Satz steckt schon viel, unter anderem ein großer Widerspruch zu allem, was die Essstörung mir täglich erzählt hat – nämlich, dass sie kein Problem sei, sondern eine Lösung. Dass ich angefangen habe, diese Schamspirale zu brechen, war schlecht für die Essstörung. Denn, wie gesagt, sie lebt von Scham, damit einhergehender Isolation, von Einsamkeit und dem Gefühl grundfalsch zu sein. Der Bruch war nur möglich durch die interaktive Auseinandersetzung mit anderen: Ich musste die Momente durchleben, in denen mir die Worte fehlen, in denen mich mein Gegenüber aufmerksam, besorgt, zärtlich, vielleicht auch manchmal verständnislos oder überrascht ansieht. Die Konfrontation mit diesen Blicken ist etwas, das im Schreiben über eine Essstörung nicht passieren wird.

Über Essstörungen schreiben … aber auch reden

Schreiben und Sprechen sind unterschiedliche Formen von Interaktion, mit ihnen verarbeiten wir auf verschiedene Art und Weise. Versteht mich nicht falsch, Blogs über Essstörungen sind wichtig. Schreiben über die Essstörung ist wichtig. Es dient der Auseinandersetzung und Selbstreflexion und bietet zudem einen geschützten Rahmen, den viele Menschen mit Essstörungen dringend benötigen.

Aber zusätzlich zum Schreiben will ich dazu ermutigen, auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen an der Essstörung und den damit verbundenen Schamgefühlen zu arbeiten, sie durchzuarbeiten. Dafür braucht es das Gespräch, dafür braucht es das interaktive Er- und Durchleben der Scham.

Dieses Durcharbeiten in Beziehungen entzieht sowohl den Schamgefühlen als auch der Essstörung möglicherweise einen großen Teil ihres Bodens. Und vielleicht, ganz vielleicht bemerkst du, dass dadurch Platz für anderes, die Grundlage für Neues entsteht.

Danke liebe Laura, für diese wunderbaren Worte!

Ich sehe es genau wie du! Das Schreiben über die Essstörung hat mir geholfen, aber noch wichtiger war es, endlich auch mit meinem ganzen Umfeld darüber zu sprechen. Nur so konnte ich der Scham den Wind aus den Segeln nehmen.

Und genau das rate ich euch auch!

Redet über die Essstörung!

Teilt euch mit und seid auf keinen Fall damit allein! Es wird euch helfen, und auch euren Angehörigen, die euch vielleicht besser verstehen werden!

Schaut bei Lauras Podcast vorbei!

Sie hat einen ganz wertvollen Podcast, der sich „Unverschämt und Unbesprochen“ nennt – der sich rund um das Thema Scham dreht.

Auch ihr Buch „About Shame“ kann ich euch wärmstens ans Herz legen. In meiner Rezension habe ich bereits ein bisschen davon geschwärmt!

Außerdem hat sie auch einen tollen Instagram Account, in dem sich alles rund um Scham dreht:

Foto: ©Franziska Kubitzek

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