Vertrauen – Therapiestunde #2

Wie konnte man einem fremden Menschen einfach so alles erzählen? Wenn es Dinge gab, die man vorher nie laut ausgesprochen hatte? Dinge, die man kaum in seine Gedanken zuließ?

Auf der Suche nach einem richtigen Therapeuten stand für mich an oberster Priorität, einen Menschen zu finden, dem ich vollends vertrauen konnte. Dies schien für mich eine utopische Wunschvorstellung zu sein, denn bis es soweit kam, dass ich überhaupt Vertrauen entwickeln konnte, verging gerne mal das ein oder andere Jahrzehnt. Demzufolge war ich vor Therapiebeginn sehr gespannt, machte mir aber keine großen Hoffnungen.

Meine Therapeutin war anders, als in meiner Vorstellung. Meine ahnungslosen Vorurteile ließen zu, dass ich mir das Wesen eines Psychologen wie folgt ausmalte: ruhig, reserviert, kalt und distanziert. Ich stellte mir eine Person vor, die ähnlich wie in Filmen versteinert dasaß, zuhörte und sich das Wesentliche in ein schickes Klemmbrett aufschrieb. Ohne Smalltalk oder freundlichen Plausch.

Ihr Erscheinungsbild war jedoch sehr warmherzig. Sie trat mir mit einem einfühlsamen Blick und einer melodischen Stimme entgegen. Obwohl sie noch sehr jung war, hatte sie eine liebenswerte mütterliche Art. Ich fühlte mich auf Anhieb wohl.

Nach dem formellen Austausch folgten viele Fragen zu meiner Persönlichkeit und meinem Leben. Es überraschte mir selbst, wie viel ich ihr zu Beginn meiner ersten Sitzung anvertraute. Wie eine Freundin hörte sie interessiert zu und kommentierte meine Erzählungen mit viel Gestik und Mimik. Ich löste mich augenblicklich von dieser hierarchisierten Psychologin –  Patientin Atmosphäre und sprach offen und ehrlich.

Folgende Aspekte waren für die Entwicklung meines Vertrauens essenziell:

Sie zwang mich nicht zu sprechen.

Alles ging nach meinem Tempo. War ich bereit, dann sprach ich, war ich es nicht, dann übte sie keinen Druck aus. Stattdessen redete sie und erzählte von Methoden, die meine Heilung förderten.

Sie stellte mir Fragen.

Kennt ihr das auch, wenn man eigentlich über etwas bestimmtes reden möchte, aber sich nicht traut, das Thema anzuschneiden? In Augenblicken wie diesen wünsche ich mir, von anderen „durchschaut“ zu werden. Ich ersehne mir einen Menschen, der mich trotz meiner gut gelaunten Miene meine innere Unruhe durchblickt und nachhackt, selbst wenn ich den Kummer vorerst verneinte.

Die Therapeutin war eine solche. Sie stellte Fragen, über die ich mich nicht traute zu reden. Zudem blieb sie geduldig, selbst wenn meine Antwort nur mit einem kurzen ja oder nein endete und wie eine Art Interview gestaltete.

Sie verhielt sich menschlich.

Mir ist bewusst, dass Therapeuten eine gewisse Professionalität ausstrahlen müssen und ihr persönliches Empfinden für sich behalten sollten. Sie jedoch war äußerst einfühlsam und bewies diesen Charakterzug in vielen Momenten. Natürlich blieb sie vorurteilsfrei in all meinen Erzählungen, doch wenn ich etwas ironisch wurde, lachte sie laut, und wenn ich traurig wurde, dann änderte sich auch ihr Blick.

Es kam sogar ein einziges Mal vor, dass ihr beim Zuhören einer sehr tragischen Geschichte die Tränen kamen. Obwohl es ihr vermutlich äußerst unangenehm war, gab sie mir mit dieser Reaktion so unendlich viel: Anteilnahme und Verständnis.

Ich sprach also nicht mit einem kalten Roboter mit einem absolvierten Psychologiestudium, sondern einem Menschen mit Gefühlen.

Abschließend lässt sich sagen, dass ich keine Umstände damit hatte, Vertrauen zu meiner Therapeutin zu entwickeln, obwohl ich mich in meinen zwischenmenschlichen Beziehungen sehr schwer damit tue.

Wenn ich eines aus der Beziehung zwischen Therapeutin und Patientin gelernt habe, dann dass man unbedingt jemanden braucht, bei dem man sich wohl fühlt, offen und ehrlich sein kann. Ich kann wirklich von Glück reden, dass ich beim ersten Versuch eine Psychologin fand, bei der alles zutraf und habe seitdem so viel mehr Vertrauen zu anderen Menschen bilden können.

Dies war Teil 2, zu meinen Erfahrungen und Eindrücken meiner Therapie. Den ersten Teil zu meiner ersten Sitzung findet ihr hier.

Viele liebe Montagsgrüße!

6 Kommentare zu „Vertrauen – Therapiestunde #2

  1. Es ist schön zu lesen, dass Du soviel Glück hattest mit deiner Therapeutin. Meine Therapeutin in der Klinik war auch ein Glücksfall für mich. Leider war’s nach 12 Wochen vorbei und mir wird immer klarer, dass viel zu viel ungesagt blieb. LG

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  2. Die Erfahrung mit Deiner Therapeutin liest sich großartig. Ich freue mich ganz doll, dass Du sie so machen konntest, dass Du so einen Menschen als Therapeutin gefunden hast.

    Mein letzter Therapeut, der, den ich über zwei Jahre hatte, war von ähnlicher Art. Und meine allererste Therapeutin auch. Leider ging sie durch für sie schwere familiäre Umstände bedingt nach recht kurzer Zeit zurück in die Schweiz. –

    Nicht so gute Erfahrungen hatte ich mit meinem Haupttherapeuten in der Klinik und schon gar keine guten mit dem dortigen Chefarzt, einer „grauen Eminenz“ der „alten Schule“. Er führte ein sehr strenges und rigides System und konnte durchaus sehr verletzend sein. Ich hatte den Eindruck, dass sein Ziel war, Patienten erst einmal zu „brechen“ um dann Scherben zusammenfügen zu können. – Das war ziemlich hart und hat mich fast aus der Bahn geschmissen … – Ich denke noch heute mit sehr gemischten Gefühlen an meinen siebenwöchigen Klinikaufenthalt zurück …

    Vertrauen ist insgesamt etwas so Wichtiges. Wir sensiblen Menschen haben eine tiefe Sehnsucht danach, sind aber auch besonders gefährdet, insoweit enttäuscht, verletzt, ja ich sage, missbraucht zu werden.- Deshalb tun wir uns grundsätzlich schwer, wieder oder gar neu zu vertrauen. Es wird so oft und so viel Rücksicht, Verständnis und Einfühlungswillen geheuchelt in heutiger Zeit.

    Menschen gefunden zu haben bzw. zu finden, denen wir wirklich vertrauen dürfen, ist wohl das Wertvollste überhaupt.

    Dankeschön für Deinen Erfahrungsbericht, liebe Mia. – Auch an dieser Stelle wieder und viele: Liebe Grüße für Dich! 🙂

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    1. Lieber sternfluesterer,
      Freut mich sehr, dass du auch so positive Erfahrungen sammeln konntest! Dadurch wirst du beide sicher mit positiven Gefühlen in Erinnerung behalten!

      Dein Klinikaufenthalt klingt aber wirklich sehr hart. Dass man auf dem Weg der Heilung auf solche Menschen trifft, fördert die Gesundheit natürlich nicht im geringsten. Und natürlich nehmen feinfühlige Seelen wie wir das ganze viel intensiver auf! Ungeachtet dessen habe ich trotzdem kontroverse Meinungen zum veralteten Konzept von Therapie. Schade, dass du so eine doofe Erfahrung machen musstest!

      Und ich stimme dir zu: Vertrauen ist Gold!! Natürlich ist es dann noch schwerer, sich eines Tages davon zu lösen…

      Viele liebe Grüße!

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  3. Hallo Mia,
    das hört sich ein bisschen nach meiner Therapeutin an – nur ist die nicht mehr soooo jung (und liest hier hoffentlich nicht mit … *hüstel*).
    Klasse, dass du jemanden gefunden hast, wo es „passt“! Mir hilft es auch sehr, einfach mal frei reden zu können. Und nie (never!) hätte ich gedacht, dass ich das auch vor jemandem so in der Form kann.

    Stay safe, viele Grüße!

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