Schafft man „es“ auch ohne Therapie?

Es gibt einige Menschen in meinem Umkreis gibt, denen ich eine Therapie empfehlen würde. Sie leiden an Depressionen, Ängsten, Minderwertigkeitskomplexen, Traumata und Essstörungen. Und doch machen die meisten keine. Denn sie alle haben ein eingebranntes Bild von Therapien.

Die Klischees von TherapeutInnen

Mein Vater denkt bis heute, dass TherapeutInnen, PsychologInnen und PsychiaterInnen in ihrer Instanz das ein und selbe sind. „Es sind Menschen, die dich abzocken und dir weismachen, du hättest ein Problem“.

Niemand posaunt herum, dass er oder sie eine Therapie macht. Denn was würden die Nachbarn, Freunde, Bekannte bloß von einem denken? Dass man das Geld dazu hat, jemanden vollzujammern? Dass man schwach ist? Dass man Hilfe braucht?

Die schlechte Erfahrung mit TherapeutInnen

Die meisten, die eine Therapie machen, wissen sicher, dass es auch einige PsychologInnen gibt, die weder empathisch, noch aufmerksam oder verständnisvoll sind. Demzufolge entsteht schnell ein Grundgedanke, der sich manifestiert: Selbst eine Therapie kann mir nicht helfen.

Ich wünsche mir, dass die Menschen sich von ein oder mehreren blöden Erfahrungen nicht abschrecken lassen, denn manchmal dauert es, die „richtige“ Person zu finden. TherapeutInnen sind nicht alle gleich, genau wie wir Menschen. Es dauert manchmal, bis man den oder die „Richtige“ findet.

Was bringen Vergleiche?

„Ich sollte nicht meckern, schließlich geht es anderen viel schlimmer.“

Wir alle kennen die ein oder andere Person, die alles alleine bewältigt hat – heftige Scheidung, Todesfall, Kündigung. Diese Person hat es alleine hinkriegt und lässt uns schuldig fühlen, weil wir schwach sind und uns Hilfe suchen.

Aber das müssen wir nicht. Wir müssen uns für gar nichts schämen. Bei jedem liegt die Grenze woanders. Und es ist keine Schande, sich Hilfe zu suchen, auch wenn man glaubt, dass jemand anderes die Hilfe nötiger hätte. Ob man nun wegen eines Burnouts zur Therapie geht, oder wegen einem Drogenproblem – das wichtigste ist, dass man sich überhaupt Hilfe sucht. Und mit dem Schritt, etwas verändern zu wollen, beginnt meiner Ansicht nach die Heilung.

Schafft man „es“ auch ohne Therapie?

Sich Hilfe zu suchen, ist nicht schwach!

Egal, wie viel wir glauben, über Geschichten, Bücher oder Filme etwas von der Psychologie zu wissen, eine ausgebildete Person weiß sicher mehr. Ich empfehle den meisten Menschen mit psychischen Krankheiten daher professionelle Hilfe. Natürlich ist es wichtig, sich überhaupt auszutauschen, allerdings können nur „professionelle“ Menschen Diagnosen erstellen und eine individuelle Form der Heilung/Therapie empfehlen.

Natürlich schafft man es auch ohne! Schließlich ist diese Instanz ein noch recht „junges“ Phänomen! Es gibt viele Menschen, die ihre psychischen Krankheiten ohne professionelle Hilfe bewältigen können. Und letztlich kann man nur sich alleine retten. Aber ich sehe es als zusätzlichen Bonus an. Wie ein Wörterbuch, dass man nicht zwingend braucht, aber hilfreich ist, wenn man nach einem Wort suchen muss.

Man schafft es auch ohne Therapie und manchmal schafft man es mit Therapie nicht. Eine Garantie gibt es nicht, aber man findet es nur heraus, wenn man es versucht.

Dies war jedenfalls meine persönliche Meinung, ob man seelische Krankheiten auch ohne professionelle Hilfe bewältigen kann.

Denkt ihr ähnlich? Oder seht ihr das völlig anders?

Habt noch einen schönen Tag! ♥

Foto gefunden auf unsplash.com

16 Kommentare zu „Schafft man „es“ auch ohne Therapie?

  1. Nun ja, ich hatte schon Therapien und auch mit unterschiedlichen TherapeutInnen und bin mir nicht sicher ob man es braucht. Aber ich bin mir sicher, dass es nichts bringt, wenn man sich nicht völlig öffnet. Dazu braucht es aber Vertrauen. Klar kann man auch alles einem Freund oder einer sonstigen vertrauenswürdigen Person erzählen, nur der Punkt ist, tut es dieser Person eventuell schaden? Was wenn du sagst: „ich denke oft daran, mir das Leben zu nehmen“ ? Therapeuten finden das zwar nicht gut, aber sie werten es anders und falls du es wirklich machst, würden sie sich wohl weniger Gedanken machen, dass es sich wohl nicht verhindern ließ.
    Was aber klar ist, schaffen muss man es ohnehin selbst. Therapie ist nur ein Hilfsmittel. Keine Therapie machen, macht es vielleicht nicht einfacher. Und schafft man es nicht, wird man sowieso seine Konsequenzen ziehen. LG

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    1. Da stimme ich dir absolut zu! Ganz am Ende habe ich Therapien auch als „Bonus“ beschrieben, die helfen können, aber nicht müssen.
      Das TherapeutInnen eine generelle Distanz haben, macht es manchmal leichter, ihnen auch sehr intime Dinge zu erzählen!
      Liebe Grüße!

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      1. Selbst beim besten Freund ist man nicht davor gefeit, das anvertrautes nicht doch irgendwann gegen einen verwendet werden könnte. Bei TherapeutInnen hatte ich diesen Gedanken eigentlich nicht. LG

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  2. Ich habe mal irgendwo auf die Frage „Kann man es allein aus einer Essstörung etc. schaffen?“ die Antwort gehört „Warum musst du es allein schaffen?“ Implizit steckt nämlich in der Frage, ob man es alleine schaffen kann, u.a. das Nicht-Eingestehen seines Zustands/seiner Erkrankung als schlimm genug. Keiner fragt sich, ob man einen gebrochenen Arm allein heilen kann, weil jeder mit gesundem Menschenverstand weiß, dass es Schwachsinn ist. Das heißt, wenn ich mir eingestehe, dass eine psychische Erkrankung nicht wie so manche Erkältung ohne Arztbesuch wieder verschwindet, weil sie ernster ist, warum muss ich es dann alleine schaffen. Ich fand das sehr einleuchtend. 🙂

    Alles Liebe, Julia

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  3. Wie du ja vermutlich weißt, habe ich mich ja bewusst gegen eine Therapie entschieden. Ich habe sehr lange darüber nachgedacht und beschlossen, dass in meinem Fall die Kombination aus Medikamenten und dem Blog die bessere Wahl ist.
    Nach fünf Monaten mit meinem Blog bereue ich diese Entscheidung weiterhin nicht. Ob das zusätzlich noch mit einem Therapeuten noch besser wäre, kann ich nicht einschätzen, aber ich bin zufrieden mit den Fortschritten, die ich mache.

    Was ich in diesen fünf Monaten bisher gelernt habe, worauf ich achten muss und was mir dabei hilft, voran zu kommen:
    – Disziplin, um gerade auch dann, wenn es gerade nicht akut schlimm ist, weiter zu arbeiten
    – absolute Ehrlichkeit sich selbst gegenüber und die Bereitschaft, sich auch die weniger ruhmreichen Dinge genau anzusehen
    – ein gewisses Grundverständnis von Psychologie allgemein und verschiedenen Therapie-Maßnahmen und damit ein gewisses Werkzeug, was wann eine sinnvolle Sache sein könnte
    – das Feedback und auch die anderen Blogs der Community haben sich als überraschend hilfreich erwiesen, mich auf neue Themen zu bringen, auf die ich wohl alleine nicht so schnell gekommen wäre.
    – die Bereitschaft, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen
    – das pure Glück, dass die Medikamente so gut und ohne merkliche Nebenwirkungen helfen und dadurch den Leidensdruck schon mal enorm verringern.

    Sicher kann man es auch ohne einige dieser Dinge schaffen und sicher gibt es noch einiges, was ich nicht habe, was mir aber noch zusätzlich helfen würde, wenn ich es hätte, was andere aber dann vielleicht mitbringen. Soll heißen: diese Liste ist sicher nicht vollständig und sicher auch nicht genau so nötig, um es alleine zu schaffen.

    Aber alles, was man eben nicht selber leisten kann oder möchte, wäre dann wohl die Aufgabe eines Therapeuten, einen dahingehend gut anzuleiten und zu unterstützen.

    Am Ende muss es eben jeder für sich entscheiden, was für sie/ihn gerade richtig ist und sich auch bewältigen/organisieren lässt.

    Beste Grüße 🙂

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  4. Sehr interessant und für mich auf jeden Fall einleuchtend, was du schreibst! 🙂 Vor allem mag ich den Vergleich mit dem Wörterbuch! Wobei ich auch denke, dass man sich das ganze Wissen, also die Theorie selbst erarbeiten kann… aber ich denke es kann sehr hilfreich sein, Unterstützung dabei zu bekommen, diese Theorie umzusetzen. Therapeuten können natürlich auch nicjt alles wissen, aber sie sollten wissen, wie man jemanden dazu bringen oder zumindest motivieren kann.

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  5. , den richtigen Weg in Richtung Recovery zu finden. Handeln muss man letztendlich aber selbst! Und eine Sache noch: Ich glaube es kann auch hilfreich, etwas zu hören anstatt nur zu lesen. Dann ist es so, dass man der Wahrheit tatsächlich ins Gesicht blicken muss.. beim Lesen ist es außerdem so, dass die Situation allgemein gehalten und nie wirklich auf den konkreten Fall, in dem man selbst ist, bezogen ist.
    (So, sorry für die Kommentarteilung, da bin ich zu schnell auf den Antwort – Button gekommen 😜). Liebe Grüße! 🙂

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    1. Danke für deine lieben Kommentare! 🙂
      (mir passiert das auch manchmal mit dem zu früh abschicken 😉 )

      Das stimme ich dir auf jeden Fall zu! Es ist wirklich hilfreicher (zumindest für mich) es zu hören, anstatt zu lesen. Ich glaube, dass da jeder seine Richtung funden muss, aber das geht natürlich nur wenn man es versucht 🙂

      Liebe Grüße!!

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  6. Liebe Mia,
    dein Blogpost – wie immer – wunderbar. Danke dafür. 😊😍🌻
    Das Thema Therapie ist nach dem Eingestehen des Problems für viele eine weitere Hürde, denn mit Therapie wird zu Unrecht die „Klappsmühle“ verbunden. Es gibt nicht die klare Lösung. Du formulierst es in deinem Text treffend. Ich habe 30 Wochen Therapie hinter mir, die mir in gewisser Weise halfen, meine Basis wiederzufinden oder überhaupt erstmal zu finden. Den letzten Schritt in eine inaktive ES ging ich jedoch allein. Trotzdem bin ich dankbar für die Therapie, schon allein aus dem Grund, dass ich über die Seltenheit Bescheid weiss.
    Ich vertrete den Standpunkt, dass jeder selbst seinen Weg finden muss. Alles kann, nichts muss. Hauptsache es fühlt sich gut an und hilft tatsächlich, ohne sich selbst zu belügen.
    Hilfe in Form von Therapie kann verschieden aussehen. Eine Therapie muss nicht von einem Spezialisten seines Faches begleitet werden.
    Ich bin froh über meine Erfahrungen und dankbar dafür, dass ich diese mit euch teilen kann. Wenn man anderen dabei noch unterstützen kann, lohnte sich der Weg gleich doppelt.
    Alles Liebe 🌻
    Michaela

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  7. Ich habe sehr, sehr lange gebraucht, für mich Entscheidungen zu treffen, die mich selbst, meine psychische Gesundhiet angehen. – Ich habe erst damit begonnen, sie zu treffen, als ich völlig am Ende war, als es buchstäblich gar nicht mehr weiterging, als ich Entscheidungen treffen MUSSTE.

    Selbst dann habe ich mich aber noch sehr schwer damit getan. Ich wollte grundsätzlich keine Therapie und ich wollte auch grundsätzlich keine Medikamente. Ich hatte riesengroße Angst „ein ganz anderer“ zu werden, wenn ich mich darauf einlasse. – Es hat viel Zeit gebraucht und viel innere Überwindung, inneren Kampf, bis ich in die mir unterbreiteten Angebote etwas Vertrauen entwickeln konnte.

    Ich habe meine Erkrankung nach wie vor nicht überwunden, aber ich bin stabiler geworden, ich gehe anders mit ihr und mit mir um. Mein Medikamant spüre ich, ich weiß aber, dass es keines der tatsächlich abhängig machen könnenden Psychopharmaka ist. – Ich weiß und spüre, dass das Medikament wichtig ist, dass es mich unterstützt, dass es mit verantwortlich ist, dass ich ein bisschen mehr Lebensqualität erleben darf.

    So, wie mit meinem Medikament ist es mir mit einigen meiner Therapeuten gegangen, insbesondere mit zweien. Meiner ersten Therapeutin und meinem letzten, der mich auch am längsten begleitet hat (zur Zeit bin ich ohne Therapie). Diese beiden waren mir wirklich Helfer. Sie waren menschlich, einfühlsam, nicht dominierend, machten mich aber fortdauernd und beharrlich auf Nötiges aufmerksam, regten mich an. Ich hatte immer das Gefühl ICH sein und bleiben zu dürfen. Ich konnte offen redfen, konnte Probleme „dalassen“. Hatte das Empfinden verstanden und angenommen zu werden. – Während meines Klinikaufenthaltes hatte ich auch andere Therapeuten. Solche, mit denen ich weniger gute Erfahrungen machte. Einen Klinikchef, der mich fast zum Aufgeben gebracht hätte … – Hätte einer dieser Therapeuten oder gar der Klinikchef am Anfang meiner „Therapiekarriere“ gestanden“, weiß ich nicht, was geschehen wäre – möglicherwiese hätte ich mich tatsächlich auf keine weiteren Therapien mehr eingelassen.

    Für mich ganz persönlich schätze ich ein, dass ich es ohne jede Hilfe von außen, ohne Therapie und Medikamente wohl nicht bis dahin geschafft hätte, wo ich heute stehe. – Ich war so sehr verrannt, so sehr kaputt, so sehr verzweifelt und kraftlos.

    Ich weiß auch heute nicht, ob ich noch einmal eine Therapie brauchen bzw. in Anspruch nehmen muss oder werde. Immerhin wüsste ich jetzt, wo ich mich sicher hinwenden würde (nämlich an meinen letzten Therapeuten). Ansonsten habe ich JETZT ein Stück mehr Vertaruen in mich, auch Sachen, die ich beachten muss, selbst zu erkennen, auch solche, mit denen ich neu konforntiert werde.

    Ich glaube nach allem grundsätzlich zu wissen, dass es wohl bei jeder psychischen Erkrankung viel, viel Geduld braucht, die Fähigkeit (sich) selbst tatsächlich erkennen zu können (und die hat man manchmal nicht mehr!) und einen wirklichen Willen, der es schafft, dem inneren Kritiker wenigstens ab und an Paroli zu bieten. Diese drei Voraussetrzungen MÜSSEN da sein, sonst kann und wird man es meiner Ansicht nach nicht allein schaffen, sich zu helfen. – Nach meiner Wahrnehmung ist es aber gerade um diese drei Dinge bei zumindest bei einer schon verstetigten bzw. mehr oder weniger akuten Phase JEDER Form einer psychischen Erkrankung, grundsätzlich bei den Betroffenen schlecht bestellt. Und auch bei ihrer Fähigkeit, dass wirklich SO, KORREKT einschätzen zu können.

    Dies ist meine ganz persönliche, aus meinen ganz persönlichen Erfahrungen, entstandene Meinung.

    Du, liebe Mia, hast generalisiert alles gesagt, was zu dem Thema gesagt werden kann. Es gibt nicht DEN Weg. – Aber ich denke, dass tendenziell zu wenige Menschen bereit bzw in der Lage sind, sich helfen zu lassen, obwohl das, wenigstens als Impuls, wohl günstiger oder sogar nötig wäre.

    Liebste Grüße und Dankeschön für den wieder sehr interessanten, differenzierenden Eintrag.

    ❤ (ganz groß!!!)

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    1. Ich glaube, dass die Klischees von Medikamenten fast genauso verkannt sind wie von Therapien. Dabei sind sie fern von irgendwelchen Filminstzenierungen oder Geschichten, die man von dem und dem gehört hat.

      Es freut mich jedoch sehr, dass du diesen Weg gegangen bist, selbst wenn du „musstest“. Auch du sprichst von einer sehr lehrreichen Erfahrung, die dich zwar noch nicht geheilt (das können ohnehin nur wir selbst), aber immerhin geholhen hat. Und allein das ist eigentlich so wichtig! Danke für das Teilen deiner Erfahrung, lieber sternfluesterer!

      Liebe Grüße ❤ (auch ganz groß!!)

      Gefällt 1 Person

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