Sind wir die Generation Depression?

Depression ist eine schreckliche Krankheit. Wie ein Tumor breitet sie sich langsam aus und kennt kein Erbarmen. Und bei der Anzahl an Betroffenen, die es heutzutage gibt, muss ich mich unweigerlich fragen: Sind wir die Generation Depression?

In den letzten Jahren sind mir unzählige Menschen begegnet die unter Depressionen leiden. Ich finde es einerseits gut dass jene sich zu ihren Krankheiten bekennen und etwas dagegen unternehmen, aber gleichzeitig wundert es mich wie viele es von ihnen gibt.

War es schon immer so? In allen Epochen? Oder ist das ein modernes Phänomen?

In Anbetracht dessen dass die Entdeckung der Psychoanalyse noch gar nicht so lange existiert, lässt sich sagen dass es vorher Krankheitsnamen wie diese nicht gab. Bestimmt gab es sie schon, aber man wusste nichts von ihrer Existenz. Frauen wurden stattdessen mit Hysterie diagnostiziert, anderen wurden Dämonen im Kopf oder ähnliches vorgeworfen.

Aber ich sollte besser einen Schritt zurück gehen.

Was definiert eine Depression? Oder besser gesagt: was sind ihre Auslöser?

Die gedrückte Stimmung, die innere Leere, oder die Antriebslosigkeit kommen schließlich nicht einfach so aus dem Himmel geflogen.

Auslöser gibt es viele. Von der Kindheit, kaputten Familienverhältnissen, Gewalt, bis hin zu Liebeskummer oder einer gewaltigen Lebensveränderung ist die Bandbreite riesig. Meiner Meinung nach gibt es keine konkrete Ursache für Depressionen, ich denke nämlich, dass sie durch alles entstehen kann, was uns psychisch und körperlich zusetzt.

Dennoch finde ich ausgerechnet in der heutigen Zeit ein paar interessante Muster, in denen der Gesellschaftsdruck mit unserer Psyche verknüpft ist.

Sind wir die Generation Depression? 

Ich sage euch mal aus einem ganz nüchternen und nicht wissenschaftlichen Blickpunkt meine persönliche Meinung: Ich glaube, dass unsere Genration sich mithilfe des gesellschaftlichen Drucks geradewegs auf depressive Muster zubewegt.

Der Leistungsdruck, der von uns gefordert wird, der Hang zum Perfektionismus, die Versagensängste, die Existenzängste, die Geldsorgen, das ständige Vergleichen, das Besser-werden-wollen, der Wunsch nach „mehr“…

Ihr müsst mir jetzt nicht sagen, ob ihr euch damit identifizieren könnt oder nicht. Aber wenn ich meine Umwelt so beobachte, habe ich zunehmend das Gefühl, dass es ihnen immer schlechter geht. Ich sage nicht, dass sie alle depressiv sind oder in naher Zukunft an einer Depression erkranken werden – sondern, dass nicht immer ein Trauma oder die Kindheit daran „schuld“ sein muss, wenn eine psychische Krankheit ausbricht.

Die Welt in der wir leben, ist einerseits reich und privilegiert (dafür bin ich auch sehr dankbar), aber auch sehr leistungsorientiert. Würde wir den Gesellschaftsdruck viel weniger spüren, ginge es vielen von uns sicher um einiges besser.

Aber die Welt wird sich nicht so schnell ändern. 

Das bedeutet allerdings nicht, dass wir unser Leben nicht trotzdem selbst in die Hand nehmen könnten.

Ein Freund von mir hat seinen Job gewechselt und seitdem mit dem Kiffen aufgehört, weil er damals jeden Tag unter Strom stand und sich am Abend zudröhnen musste, um runter zu kommen.

Eine Freundin von mir hat dem Perfektionismus den Rücken gekehrt und hat seitdem kaum noch Versagensängste.

Und ich habe bei meinem Studium auf Pause gedrückt. Ich will nicht mehr die schnellste und beste sein – ich will leben und mir die Ruhe geben, die ich brauche. Seitdem ist alles in mir ausgeglichener. Kein enormer Stress, und auch kein enormer Ventildruck, der mich zu Essanfällen zwingt.

Wir haben nur ein Leben und es wäre unheimlich schade durch den Gesellschaftsdruck in psychische Krankheitsbilder zu rutschen!

Was haltet ihr von meiner Theorie? Seht ihr das ähnlich oder völlig anders?

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19 Kommentare zu „Sind wir die Generation Depression?

  1. hey, ich sehe das ganz ähnlich und finde es auch erschreckend. Gerade auch weil mein Mann unter Depression leidet. In meinen Freundes und Bekanntenkreis überall hört man Depression hier und Panikattacken dort. ich habe vor ca zwei Jahren Brieffreunde gesucht und was soll ich sagen ich habe mit 6 Leuten geschrieben zum kennen lernen halt und alle 6 hatte ne Psychische Erkrankung O.o. Unserer moderne Welt hier im Westen mag reich sein an materiellen Dingen aber unglaublich arm an Mitgefühl, Mitfreude, Genügsamkeit etc. Wir sind doch nur am meckern nur am vergleichen mit Anderen.
    Wenn ich von meinen Patienten in der Physio höre:“ Ja wie ich muss 8 Wochen den Orthopedischen Schuh tragen? Ich dachte ich kann nach 2 Wochen wieder arbeiten!“ Viele haben keine Hobbys mehr und langweilen sich daheim oder wollen von daheim weg, lenken sich mit arbeit bis zum Burnout ab. Wenn ein Leben nur aus Arbeit,Alltag, schlafen, Arbeit besteht kann das auch dauer nur nach hinten los gehen. Und ich rede hier nicht mal von super aktionreichen finanziell teuren Tagen. Ich rede hier auch von Kommunikation in der Beziehung. „Bitte,Danke, schön gemacht, Schatz“ Beschäftigung mit den Kindern, sofern vorhanden etc. Da könnt ich jetzt noch stunden lang nen Monolog schreiben aber ich behaupte mein Mann und ich sind nicht um sonst seit 11 Jahren GLÜCKLICH zusammen und haben seine Depression durchgestanden. Denn niemand von den Eltern war da 😦

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    1. Danke für diesen tollen Kommentar! Du hast unheimlich tolle Aspekte genannt, die tief an die Züge unserer Gesellschaft greifen! Es ist erschreckend, dass du in deinem Bekanntenkreis ganz ähnliche Erfahrungen gemacht hast. Vielleicht sollte man endlich die Gesellschaft ein wenig umstrukturieren, anstatt immer wieder zu neuen Lösungswegen einer Heilung nachzugehen. Vielleicht gäbe es so viel weniger Patienten!

      Liebe Grüße!

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  2. Also ich denke auch, dass der zunehmende gesellschaftliche Leistungsdruck dazu führt, dass mehr Menschen psychisch oder somatisch erkranken. Es gibt zB auch deutlich mehr Magengeschwüre und andere „Stresskrankheiten“.

    Dennoch denke ich, dass ein Großteil der Erkrankungen einfach „sichtbarer“ wird. Weil insbesondere Depressionen nicht mehr komplett tabuisiert werden. Weil (Haus-)Ärzte auch dahingehend besser ausgebildet sind und an andere Behandler verweisen. Weil Menschen erkennen, dass sie psychisch krank sein „dürfen“. Weil Prominente offen zu ihrer Erkrankung stehen, oder weil eben Suizide von irgendwelchen Stars medienpräsent sind.

    Ich sag nicht, dass es jetzt easypeasy ist darüber zu sprechen. Keineswegs! Aber dennoch denke ich, dass die Hemmschwelle mittlerweile niedriger ist, als vor 30 Jahren oder so.

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    1. Danke für deine Worte! Ich finde es auch sehr gut, dass psychische Krankheiten endlich nicht mehr so tabuisiert werden und ein Austausch darüber stattfindet! Aber was du mit den „Stresskrankheiten“ sagst, ist auch das perfekte Beispiel für den heutigen Leistungsdruck!

      Liebe Grüße!

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    2. hi, grundsätzlich hast du recht, aber es gibt immer noch genügend von der „ach stell sich nicht so an!“ – Fraktion. Ich stand mit meinem Mann allein auf weiter Flur, als er als zitterndes Nervenbündel eines Tages von der Arbeit kam 😦 Da waren keine Eltern , oder aus meiner Sicht Schwiegereltern die gefragt haben wie es uns geht 😦 KLar seine Eltern sind um die 70 wobei ne damals Ende 60 für die gibt es schlicht keine psychischen Erkrankungen. Mein Opa schaltet da genauso auf Durchzug „Der soll was anständiges schaffen dann geht das…“ Lediglich ein Arzt, der bei mir auf der Physioliege lag, fragte danach, wo ICH mich denn ausweinen würde. In dem Fall war es die Massagebank wo der gute Mann gerade lag… Ich mag die Generation meiner Großeltern; keine Frage aber bei solchen Themen kann man mit vielen nicht drüber reden.

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  3. Das sehe ich ganz ähnlich! Ich denke es ist unmöglich zu messen, ob Depressionen in den letzten Jahrhunderten zugenommen haben, selbst im 20. Jahrhundert! Die Generation unserer Eltern ist zum Großteil ja auch nicht dahingehend sensibilisiert. Demnach denke ich, dass Depressionen einerseits vor einigen Jahrzehnten nicht so sichtbar/offensichtlich waren, weil sie 1. nicht erkannt und 2. besser bewusst versteckt wurden, weil ein noch größeres Stigma herrschte. Andererseits glaube ich auch, dass Depressionen zugenommen haben, auch aus deinen oben genannten Gründen. Irgendwie war ich immer der Ansicht, dass die Menschen statt wie heute stark an psychischen Krankheiten zu leiden, eher physische Krankheiten hatten, z. B. Tuberkulose zur Jahrhundertwende.

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    1. Da hast du recht, wie hoch die damalige Anzahl der Erkrankten war, ist nicht eindeutig zu sagen – vor allem in der Generation unserer Großeltern, die z.t. noch den Krieg miterlebt und ebenfalls diverse Traumata haben! Mich würden Studien darüber sehr interessieren, denn dann könnte man ja auch besser eindeuten, ob psychische Krankheiten in heutigen Zeiten immer mehr zunehmen, oder schon immer konstant geblieben sind!

      Danke für deinen Kommentar 🙂 Liebe Grüße!

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  4. Das ist eigentlich zu komplex, um kurz zu antworten. – Generell ist es ja gut, daß einige Krankheiten mittlerweile auch offener angesprochen werden als früher. Oftmals nicht offen genug.
    Ich finde aber dennoch genau wie Du, daß diese Krankheitsbilder heute häufiger vorkommen. Diejenigen, die ich kenne, sind nahezu alle zwischen 20 und 30 anzusiedeln. Turbo- Abi, Turbo- und Pseudo- Studiengänge, von außen (nicht von „der Gesellschaft“, sondern durch Einzelne) geförderte Träume, manchmal Selbstüberschätzungen, die mit dem realen Leben konterkarieren. Wenn das nicht aufs Mentale geht…

    Wir hatten neulich einen jungen Mann desillusionieren müssen, der glaubte noch vor Studienabschluß schon mal den Weg gleich nach ganz oben klarmachen zu müssen. Hatte den Werbesprech der privaten FH verinnerlicht, ließ aber nicht viel Substanz erkennen und nun konnten wir ihm beibringen, daß die berufliche Wirklichkeit ganz anders aussieht. Da hoffst Du dann, daß der die richtigen Schlüsse draus zieht. – Mal abgesehen davon, daß man ihm außer durch ehrliche Worte (die anzunehmen ihm schwer fielen) nicht viel helfen konnte: ich bin auf dessen Dozenten unbekannterweise richtig sauer. Die tun keinem einen Gefallen damit außer ihrem eigenen Konto. – Ich mache ja gelegentlich mal sowas wie Tipps on the job, lese Arbeiten gegen, habe auch regelmäßig Praktis mit. Da kriegt man ja schon ein wenig mit…

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  5. Zum Thema Abi fällt mir noch ein: Abi ist heute nichts mehr Wert. Also ich rede hier nicht von Menschen, die Doktoren etc werden möchten. Sondern von den ganzen Berufen die zunehmend akademisiert werden sollen… Ist doch kein Wunder, dass man zu Höchstleistungen getrimmt wird, wenn alles Andere sch.. ist -,- Ich krieg die Krise wenn ich höre, dass der Beruf Physiotherapeuten akademisiert werden soll, mit der Begründung: „Die gesellschaftliche Anerkennung solle gesteigert werden“ Himmel…! Wir brauchen nicht mehr Gesellschaftliche Anerkennung, sondern Finanzielle Anerkennung und Vergütung der Arbeit die wir leisten. Denn die Patienten erkennen unserer Arbeit dankend an… aber sry ich schweife ab… ja wie gesagt wenn du aufwächst und weißt Haupt- und Realschule sind nix und LKW-Fahrer und Handwerker püh wer braucht die? Da läuft doch was schief : Womit wir wieder bei Respekt und Wertschätzung untereinander wären… aber ich rede schon seit Jahren: „Der Karren fährt mit Krawall an die Wand und dann wachen wir auf und fangen bei Null an.“

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    1. Ja, ja, ja!!!! Ich kann dir in jedem Punkt nur zustimmen. Das mit dem Abi oder generellen Studium habe ich mir auch schon gedacht. Am besten noch zehn Praktika, zwei Master und das alles, bevor man 25 geworden ist. Und alles andere ist „weniger“ wert…Verrückte Welt!

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  6. Diese Gesellschaft, so wie sie ist, so, wie sie gelebt wird, ist ein Nährboden für Depressionen, ein Katalysator. Eine „Mitursache“ und zwar eine erhebliche. –

    Die andere sind wir selbst. Der eine Mensch mehr, der andere weniger.

    Ich bin es sehr. Das habe ich erkennen müssen. Was schwer aber wichtig war. Damit ich nicht undifferenziert Schuld zuweise.

    Einiges, was Depressionen bedingt, liegt mehr oder minder im jeweiligen Menschen. Er hat es quasi mitbekommen auf seinen Weg durch die Welt. Diejenigen, die insoweit mehr mitbekommen haben, haben es in unserer Zeit, in dieser Gesellschaft am schwersten.

    Wichtig scheint mir noch, zu erwähnen, dass es verschiedene Ausprägungen von Depressionen gibt. Vergleiche sind da, wie generell, eher nicht hilfreich. Und, dass länger anhaltende, nicht mehr nur leicht , sich manifestiert habende Depressionen nicht einfach so „heilbar“ sind wie eine Angina.

    Das wird bislang am wenigsten verstanden oder gar akzeptiert in Umfeldern, die nicht betroffen sind. Vielmehr wird erwartet, ja vorausgesetzt, dass es doch nun auch „mal wieder gut sein“ muss.

    Mit der Unterstellung, depressive Menschen würden mutmaßlich gar nicht wirklich etwas an ihrem „Zustand“ ändern wollen, etwa, weil sie anderenfalls weniger Aufmerksamkeit befürchteten, macht man die Betroiffenen buchstäblich kapputt. – Ich kenne niemanden, der „seine“ Depression(en) behalten möchte.

    So eine Unterstellung ist freilich schon wieder Spiegelbild der umgebenden Gesellschaft, dem, was sie von dieser Art Erkrankungen hält …

    Eine Haltung, wie Du sie hast, liebe Mia, ist immer noch sehr, sehr selten.

    Danke für Deinen Eintrag.

    Liebste Grüße an Dich! ❤

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    1. Danke für deine Worte, lieber sternfluesterer! „Nährboden für Depressionen” trifft es wie die Faust aufs Auge! Auch, wenn damit natürlich nicht all die anderen Aspekte ausgeklammert werden sollten!

      Leider werden Depressionen nach wie vor sehr stigmatisiert, weshalb deine genannten Beispiele zu Norm für Betroffene gehören…

      Danke dir sehr für deine Ergänzungen! Liebe Grüße! ❤

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  7. Ich denke in so einigen Bereichen ähnlich. Wobei ich auch der Meinung bin, dass ich selber als Betroffener viel zu meiner Depression beigetragen habe, indem ich immer wieder versucht habe allen Anforderungen gerecht zu werden. Tja, der Leistungsgedanke. Man muss sich seinen eigenen Standpunkt dazu erarbeiten und dann auch bereit sein den Weg zu gehen und die Konsequenzen zu tragen.

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