„Dick wie eine Kuh“ – Unangemessene Vergleiche des Körpers

Kein Mensch ist vollkommen. Und ich schon gar nicht. Drum kommt es, dass sich gelegentlich Gedanken in meinem Kopf einschleichen, die sich einfach nicht gehören.

Bin ich eine Heuchlerin? Weil ich ständig darauf plädiere, angemessen und fern von Vorurteilen oder Beleidigungen miteinander zu leben? Und gerade die Regeln breche?

Kinder sind offen.

Mein Babysitterkind ist eine sehr ehrliche Socke. Erzählt er mir von der Mutter seiner Frendin, höre ich: „Die ist so dick wie eine Kuh.“ Und als ich über seine ehrliche Bemerkung entsetzt die Augen aufreiße, provoziert ihn das, weiter zu machen. „So dick wie ein Walross! Dicker als ein Elefant!“ Ich versuche ihm dann zu erklären, dass man solche Vergleiche nicht über einen Menschen sagt. „Typisch Kinder?“ Falsch! Wir alle haben gelegentlich unangemessene Vergleiche im Kopf.

Die Situation

Letzten Samstag lief ich durch ein belebtes Einkaufszentrum und setzte wie immer meinen Tunnelblick auf. Dieser vermeidet, dass ich in die Gesichter der anderen schauen muss und gleichzeitig denke ich, dass sie mich auch nicht anschauen. Jedenfalls lief ich an einer Frau vorbei, die mir vom Seitenblick ins Auge stach.

„Sie ist echt viel zu dünn“, sagte die Stimme in mir. Und damit wären wir bei dem ersten Gedanken, den ich eigentlich unmöglich von mir finde. Habe ich das Recht zu entscheiden, was die richtige Weise von „dünn“ ist und die falsche ist? Sollte es nicht völlig egal sein, welches Gewicht sie hat, solange sie gesund und glücklich ist?

Der zweite Gedanke ist mir im Nachinein sehr unangenehmem und peinlich. Ich schaute in das Gesicht der Frau und erschrak. Sie war so dünn, dass ihr komplettes Gesicht eingefallen war. Die Ringe unter ihren Augen waren so dunkel, dass sie auch aufgemalt hätten sein können. Und das einzige furchtbare Wort, dass sich in meinen Kopf schlich, war folgendes: Skelett.

Ich sah sie an und visualisierte sie mit einem Skelett. Im Nachhinein ist das völlig absurd, einen lebendigen Menschen mit Knochenüberresten zu vergleichen. Und doch kam genau dieser Gedanke auf, als ich sie sah, wie sie nur aus Haut und Knochen bestand. Vielleicht leidet sie unter einer Essstörung, vielleicht ist sie auch totkrank. Aber wer sagt, dass sie nicht kerngesund ist, nur eben nicht der Norm entspricht?

Gedankenwirbel

Nach dieser Begegnung lief ich mit meinem Tunnelblick weiter und dachte über vieles nach. Über Klischees, über voreilige Schlüsse und über unangemessene Gedanken. Frauen wie sie leiteten keine Werbekampagnen – aber wieso eigentlich?

Wie oft geschieht es, dass sich blöde Vergleiche oder überhaupt blöde Bemerkungen in unsere Köpfe schleichen, ohne dass wir sie gar wahrnehmen? Ist es falsch sie zu denken? Oder ist alles im Rahmen, solange man sie nicht ausspricht? Warum entstehen überhaupt diese Vergleiche, obwohl wir alle wissen, dass ein Mensch unmöglich wie eine Kuh oder ein Skelett aussehen kann?

Mein Fazit?

Eher ein Appell. Ein Apell an die eigenen Gedanken, die sich von Zeit zu Zeit in das Bewusstsein einschleichen. Denn selbst, wenn sie unausgesprochen bleiben, so bildet der Grundgeganke das Gerüst zu all jenen Klischees und Vorurteilen. Es grenzt Andersartigkeit aus und macht sie negativ. Kein Mensch sollte für sein Aussehen verurteilt oder gar verglichen werden. Und das muss auch ich mir hinter die Ohren aufschreiben…

Euch allen einen schönen Start in die Woche! ♥

12 Kommentare zu „„Dick wie eine Kuh“ – Unangemessene Vergleiche des Körpers

  1. Ich schäme mich auch immer, wenn ich solche Gedanken bei mir erkenne… trotzdem kann man seinen Kopf eben nicht immer kontrollieren. Ich denke das wichtige ist zu erkennen, dass das keine fairen Gedanken sind. Und du bist vielen Menschen schon einen riesigen Schritt voraus, weil dir sowas auffällt und du es hinterfragst und ändern willst. Wenn du weiter so bewusst durch das Leben gehst werden solche Gedanken, Vorurteile etc sicher immer weniger 🙂

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  2. Ich erwische mich auch bei diesen Gedanken, hinzu kommt noch ein „wieso kann ich nicht ein bisschen sein wie sie..“. Sie schießen einfach in meinen Kopf, aber es ist immer dann noch die bewusste Entscheidung wie man diese Gedanken bewertet. Im übrigen musste ich ein wenig über den „Tunnelblick“ schmunzeln, den kenn ich sehr gut. Alles Liebe ♡

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  3. Ich bin an den „gewöhnlichen Tagen“ im Alltag oder sonstwo auch nicht frei von solch spontanen inneren Schnellschuss“einschätzungen“. – Inzwischen werden sie mir allerdings IMMER bewusst. Und da bin ich sehr froh drüber. Weil sie einfach nur dumm sind. Nichts an ihnen ist wahr.

    Ich frage mich allerdings, weshalb ich es nicht schaffe, sie ganz aus meinem Unterbewusstsein zu verbannen. – Es passiert mir immer wieder, dass ich etwa ein Gesicht sehe und mir seine Züge „soufflieren“, dass sie etwas über den Charakter des jeweiligen Menschen erzählen. Das Schlimme ist, dass sich diese „Informationen“ in der Folge (dann, wenn ich den betreffenden Menschen näher kennenlernen kann) mitunter zumindest teilweise bestätigen. – Es scheint also so, dass manche Charaktere ihre Struktur durchaus ein bisschen in die Linien, die in einem Gesicht geschrieben stehen, hineinzeichnen im Laufe der Zeit.

    Aber daraus so schnell und so absolut zu „schließen“, wie das mein Unterbewusstsein so manches Mal wieder versucht?

    Ist eine sehr heikle Sache.

    Was Figur, körperliche Besonderheiten, die Art, wie sich jemand kleidet, betrifft, bin ich immerhin in den letzten Jahren viel vorurteilsfreier geworden.

    Aber auch das war und ist ein Prozess, der noch nicht zu Ende ist …

    *

    Wieder ein sehr schöner, sehr ehrlicher Eintrag von Dir, liebe Mia.

    Von Herzen liebe Grüße an Dich!

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    1. Das zeigt nur, dass du eine gute Menschenkenntnis hast.:) Manchmal erkennt man einen Menschen aufgrund seiner Gesichtszüge, manchmal auch nicht. Noch häufiger jedoch geschieht es mir, dass wenn ich eine Person näher kennenlerne, dann komplett anders einschätze.

      Es ist vermutlich der erste Schritt, die „Vorurteile“ überhaupt wahrzunehmen. Ob sie aber ganz verschwinden, wage ich zu bezweifeln, schließlich ist der optische Eindruck meist der erste, den man „sieht“ und daraus erschließt sich vieles im Kopf.

      Danke für dein liebes Kompliment und gute Besserung weiterhin ⭐️

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  4. Liebe Mia,

    ich kenne nicht viele Menschen, die so ehrlich über ihre Gedanken, insbesondere die aufkommenden Vorurteile oder negativen Vergleiche, reden. Ich finde es gut, dass Du es tust!

    Ich denke, es ist sehr wichtig, sich dieser Gedanken bewusst zu sein und sie zu hinterfragen. Jeder hat sie, ganz unweigerlich entstehen sie, oft, ohne dass wir etwas dagegen tun können. Was wir jedoch auf jeden Fall unternehmen können, ist, den darauf aufbauenden Gedanken oder ein ausagieren dieser Gedanken einhält zu gebieten. So, dass nicht Lästerei, Abneigung und Diskriminierung daraus entstehen kann. Leider tun das für meinen Geschmack viel zu wenige Menschen und ich wünschte, alle die sich offen über andere Menschen lustig machen oder sie sogar beleidigen und demütigen, sollten Deinen Beitrag zu lesen bekommen und sich eine Scheibe von Dir abschneiden.
    Was Du über das dünne Mädchen gedacht hast, kann ich vollkommen nachvollziehen. Jedoch folgte bei Dir sofort auch ein Mitgefühl und das ist es, worauf es ankommt.

    Gedanken sind erlaubt, sie sind frei. Aber nicht, was wir daraus machen.

    Liebste Grüße
    Sophie

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    1. Vielen Dank für deine ganz lieben Worte! ❤️ Natürlich spielen Gedanken des Mitgefühls mit, aber wer sagt, dass sie vielleicht gar kein Mitgefühl braucht? Das Aussehen voreilig zu (ver)urteilen, ist etwas, das ich gerne an mir ändern möchte 🙂

      Liebe Grüße!

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      1. Du hast bereits etwas geändert, weil Du Dir dessen bewusst bist 🙂 Und das macht Dich sehr sympathisch! Weil Du Dich eben nicht als „Gutmensch“, über diese Vorurteile erhaben, darstellst, sondern so ganz menschlich, mit den Gedanken, die wir nun mal haben.

        Liebe Grüße und einen schönen Abend Dir!

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  5. Huhu 🙂

    Ich erwische mich oft bei solchen Gedanken, vor allem weil ich einige Kilo mehr auf den Rippen habe. Da fällt es mir irgendwie ’schneller‘ auf, wenn jemand weniger auf die Waage bringt als ich…. Manchmal ist da auch ein wenig Neid, weil man es selbst nicht schafft, abzunehmen, aber alles versucht.
    Dennoch weiss man nicht, wieso die Person schlank ist oder eben mehr Kilos hat. Ist es eine Krankheit? Ist die Person von Natur aus so? Etc. Es gibt so viele Möglichkeiten, weshalb eine Person so ist, wie sie ist. Das versuche ich auch immer anderen Leuten nahe zu legen – vielleicht schaffe ich es eines Tage, ohne zuerst einen ‚falschen‘ Gedanken zu haben, direkt so zu denken.

    LIebe Grüsse
    Proserpina

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