Die Angst, über seinen Schmerz zu reden

Warum fürchten wir, uns einem Menschen zu öffnen? Warum bleiben so viele Gedanken unausgesprochen und werden mit niemandem geteilt? Warum schleppen wir die Last ganz alleine und geben uns sogar damit zufrieden?

Natürlich kenne ich die Antwort, denn die Frage war rhetorisch gemeint.

Es ist so, als würde man unbekleidet die Tür zur Arktis öffnen. Das Risiko dabei zu erfrieren, ist zu hoch. Bleibt die Tür unverschlossen, ist man warm und sicher geschützt. Und das Risiko, einen Besucher zu erwarten, der mit einer warmen Decke kommt, ist es nicht wert. Ich habe immer Angst davor, zu erfrieren. Dies ist auch der Grund, warum ich nur wenigen Menschen die Tür geöffnet habe.

Heute ist mir kalt.

Ein Schnupfen bahnt sich langsam durch meine Nebenhöhlen und lässt mich schwer atmen. Ich bin nicht erfroren, aber habe die Tür geöffnet und konnte gerade so noch dem eiskalten Schauer ausweichen.

Wie ihr wisst habe ich seit dem letzten Jahr mein Geheimnis der Essstörung mit anderen Menschen geteilt. Und langsam bin ich es satt, darüber zu trauern, dass ich nicht verstanden werde. Ich war naiv zu denken, dass das Öffnen der Tür mir keinen gewaltigen Schnupfen einbringen würde.

Mein altes Ich würde die Tür verriegeln und nie wieder öffnen. Aber soweit will ich es nie wieder kommen lassen.

Muss ein Mensch alles verstehen?

Ich darf nicht vergessen, dass ich einem Menschen immer erst die Möglichkeit geben muss, die Information zu verdauen und angemessen damit umzugehen. Ein „Paradigmenwechsel“ lässt sich nicht so leicht auf die Schulter nehmen. Das Bild von „mir“ ist ja dann schließlich nicht mehr da.

Mein Pflichtgefühl zwang mich dazu, es zu erzählen („Sogar xy weiß es, du musst es unbedingt auch z sagen.“). Und nach den ersten beiden positiven Erfahrungen war ich so glücklich darüber, verstanden zu werden, dass ich meine Maske vor allen ablegen wollte. Dies war leider zu voreilig. Mein Antlitz unter der Maske sorgte für einen Schreck.

Alle Welt versucht immer diese eine Auffassung an die Welt zu geben:

„Verschließe dich nicht, unterdrücke nichts und rede mit jemanden.“

Ich stimme dieser Denkweise nur teils überein. Das Reden funktioniert nur, wenn man einen aufrichtigen Zuhörer hat. Ich weiß allerdings, dass sie nicht leicht zu finden sind. Und mein Bedürfnis in meinen bestehenden Kontakten nach ihnen zu suchen, schien mir logisch. Andererseits ist es eine sehr große Erwartung, von einem Menschen alles zu verstehen zu erwarten. Vielleicht habe ich eben  diese eine Freundin, mit der ich quatschen und Shoppen kann (ok doofes Beispiel, ich hasse shoppen!). Vielleicht aber werden wir nie auf diese Sphäre der Kommunikation steigen. Und vielleicht ist das in Ordnung. Ich könnte meine Rede -Partner auch woanders finden.

Nur Öffnen, wenn es an der Tür klopft?

Nun was erlaube ich mir denn da, könnte man sich fragen. Erst soll man sich jahrelang bearbeiten, sein Herz zu öffnen, um es schleunigst wieder zu verschließen?

Natürlich nicht! Die Tür zu öffnen ist etwas ganz wunderbares. Ich hoffe darauf, noch viele weitere zu finden, die mich in eine warme Decke hüllen und keine Kälte mehr spüren lassen.

Aber wenn ihr noch nicht bereit seid, dann macht es nicht!

Diese Plattform ist ein großartiger Ort, um seinen Gedanken freien Lauf zu lassen und Anteilnahme zu erhalten. Ebenso ist ein Psychologe ein guter Zuhörer, welcher ganz neutral auf Geschehnisse blickt. Und wenn ihr eines Tages bereit seid und auf einen Menschen trefft, bei dem ihr ein gutes Gefühl habt, dann scheut euch nicht.

In diesem Sinne wünsche ich euch einen wunderschönen Freitagabend! ♥

11 Kommentare zu „Die Angst, über seinen Schmerz zu reden

  1. Ich konnte mich beim Lesen gut in Dich hinein versetzen, liebe Mia. Weil mir doch etliches irgendwie „vertraut“ vorkam.

    ich habe gelernt, dass die Erwartung, dass einen viele Menschen wirklich VERSTEHEN (können), unrealistisch ist. Oft hat das mit den betreffenden Menschen zu tun, letztlich womöglich aber genauso oft auch mit mir selbst.

    Und ich habe gelernt, dass es viel Geduld braucht (im Regelfall jedenfalls) Und viel Willen, sich einfühlen zu wollen. Das braucht Zeit.

    Was ich mit Dir teile, ist die Ansicht, dass es unterschiedliche Freunde gibt, die ALLE gute Freunde sind. Aber dem oder der einen kann ich mehr von diesem und jenem erzählen als dem oder der anderen. Oder auch mehr zumuten. – Ich denke, dass das ganz normal ist. Und nichts mit Misstrauen zu tun hat und vielleicht auch gar nicht mal so viel mit dem Bedürfnis nach Selbstschutz.

    Ich glaube aber immer noch daran, dass es auch einen, zwei, vielleicht drei Menchen geben kann, zu denen bzw. mit denen sich wirklich ein uneingeschränktes Vertrauen ergibt. – Und wenn ich das dann leben könnte, dann wäre ich womöglich auch tatsächlich ein ganzes Stückchen heiler.

    Insofern ist der letzte Satz Deines Eintrages, wenn auch als Wunsch für alle anderen ausgedrückt , auch Dein eigener Wunsch:

    „Und wenn ihr eines Tages bereit seid und auf einen Menschen trefft, bei dem ihr ein gutes Gefühl habt, dann scheut euch nicht.“

    Bei mir ist er so angekommen, dass ich ihn mir ganz sehr für Dich wünsche!

    Viele, ganz liebe Abendgrüße, ein paar Sternlein, die Dich in ein erholsames Wochenende funkeln wollen und natürlich etwas aus Deinem Herzensstübchen bei mir: ❤ !

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    1. Lieber sternfluesterer, dies ist auch eine Erkenntnis, die ich in den letzten Wochen durchmachen musste. Gute Freunde müssen vielleicht nicht alles verstehen oder wissen, solange sie einem gut tun. Ich wünschte nur, dass ich das vor meiner „Beichte“ gewusst hätte, dann würde ich jetzt weniger frieren.

      Deshalb glaube ich auch, dass jene Menschen, denen man sich uneingeschränkt anvertrauen kann, das wertvollste auf der Welt sind!

      Von mir liebe Morgengrüße! Deine funkelnden sternlein kommen mir gerade recht, weil ich tatsächlich frierend und mit einer Grippe im Bett liege! Und hier vorsichtig zwei ❤️❤️ zurück! Nicht, dass sie wieder im Spam verschwinden 😉

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  2. Ich kann mich in vielem wiederfinden, was du schreibst. Sich zu öffnen und dann mangels Verständnis abgelehnt zu werden, ist für mich auch immer sehr schwer. Entsprechend erzähle ich derzeit zwar manchen von meinen persönlichen Kämpfen, bei denen ich entweder denke, dass es wichtig ist, dass sie Bescheid wissen, oder die ich auf die Option auf mehr Vertrauen hin „testen“ möchte, aber ich bewahre mir dabei trotzdem eine sachliche Distanz und versuche, auf Unverständnis vorbereitet zu sein.
    Und erzähle immer nur in kleinen Bissen, um zu sehen, wie sie vertragen und verdaut werden. Und manchmal sehe ich da auch einfach: nein, der/die kann damit nicht gut umgehen. Das ist dann nicht immer einfach, aber liegt eben auch nicht immer nur an mir, sondern entweder an eigenen Problemen auf Seiten des Zuhörers, oder an einem einfach zu weit entferntem Erleben dieser Welt.

    Ich wünsche dir jedenfalls, dass du einen guten Weg findest, wie du für dich mit möglichst wenig „Schnupfen-Gefahr“ herausfinden kannst, wer mit einer Öffnung deinerseits gut (für sowohl dich als auch ihn selbst) umgehen kann und wer nicht.
    Beste Grüße 😘

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    1. Ich freue mich immer sehr über deine ausfühlichen Kommentare:) Deinen Trick, mit einem „Bissen“ anzufangen, werde ich mir auf jeden Fall hinter die Ohren schreiben. Das ist sicher ein guter Anfang, als gleich ins kalte Wasser zu springen!

      Dir ganz liebe Grüße! ❤

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  3. Liebe Mia,

    wie so oft berühren sich unsere Gedanken und Gefühle in unseren Beiträgen sehr! Ich bin jedes Mal wieder erstaunt, wie sehr…!

    Wie oft hat meine Therapeutin mich gefragt, was meine größte Angst ist, wenn ich mal wieder sprachlos war und während der Therapie nichts sagen konnte, obwohl mir doch so viel auf dem Herzen lag. Würde sie mich heute fragen, wäre es einfach für mich, dies zu beantworten. Ich würde ihr einfach Deinen Beitrag vorlesen!

    Die Metapher mit der Arktiskälte ist dabei so passend! Jedes Mal, wenn ich mich nach solchen Therapiestunden von meiner Therapeutin verabschiedete, muss ich eiskalte Hände gehabt haben, denn irgendwann sprach sie mich darauf an, dass das schon extrem auffällig sei. Ja liebe Mia, manchmal ist es tatsächlich so, als stünde man nackt in der Arktis!

    Ich glaube, die Schwierigkeit liegt auch darin, dass ja nun mal nicht alle Menschen um uns herum Therapeuten sind oder sich mit der Thematik auskennen, weil sie selbst betroffen sind oder waren. Ich muss auch, genau wie Du, immer wieder feststellen, dass es eine besondere Schwierigkeit darstellt, anderen („normalen“ bzw. „gesunden“) Menschen verständlich zu machen, wie es sich in unsere Haut anfühlt.

    Ich finde es wunderschön zu lesen, dass Du Dein Herz weiterhin öffnen möchtest und Dich nicht zu sehr hast verschrecken lassen! Eine sehr heilsame Einstellung ist das und ich bin ganz sicher, dass Dir bald wieder wärmer wird!

    Du Liebe, ich hoffe, dass sich der Schnupfen es nicht all zu bequem bei Dir gemacht hat und Du gesund in die neue Woche starten kannst!


    Liebste Grüße und vielen Dank für den tollen Beitrag!
    Deine Sophie

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      1. Es ist schön, dass wir uns hier ein wenig umeinander kümmern und uns weniger einsam fühlen können! Das hast Du schön geschrieben!

        Ich bin ja sonst „virtuell“, also in sozialen Netzwerken usw., nicht aktiv. Aber hier, das ist wirklich ein ganz wunderbarer Ort für einen Austausch und ein ganz besonderes „Zusammensein“.

        Liebe Montagsgrüße ❤

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  4. Schöner Beitrag! Ich freue mich, dass du so gute (zumindest mit den ersten beiden Zuhörern) gemacht hast. Bei mir war es leider nicht so… Eigentlich scheint mich niemand ernst zu nehmen, das macht mich wirklich ein wenig traurig. Deswegen tut es gut, solche Beiträge wie diesen hier zu lesen. Dann weiß man, dass man nicht ganz alleine ist und andere Leute ähnliche Erfahrungen gemacht haben.
    LG 🙂

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