Binge Eeating – Schamgefühl bei Essanfällen

Triggerwarnung!

Dieser Beitrag ist ein sehr ehrlicher. Ich schaffe es nicht immer meine Gedanken dazu festzuhalten. Jetzt habe fühle ich mich stabil genug, um mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

Wie ihr vielleicht wisst, bin ich mit der Essstörung Bulimie diagnostiziert. In der Kurzfassung bedeutet es, dass ich sehr heftige Essanfälle habe und sie meistens irgendwie kompensieren muss. Ob mit Fasten, Sport, oder…na ja….übergeben. Letzteres ist nicht mehr allzu präsent, aber das „Kompensieren“ ist nach wie vor da. Ich bin also längst noch nicht geheilt.

Schamgefühl bei Essanfällen

Es lässt sich nicht vermeiden, dass ich mich vor, während und nach dem Essanfall unglaublich schäme  und es sich anfühlt, als würde ich mich selbst bloßstellen. Wenn ich auf den leeren Teller starre, der eben noch voll war, wenn Plastikverpackungen von Süßigkeiten auf meinem Schoß liegen, oder wenn ich in der Küche stehe und der Kühlschrank seit 10 Minuten offen steht, weil ich einfach nach allem greife, was im Kühlschrank ist.

Das Schamgefühl ist schrecklich. Ich fühle mich schwach und wie ein Tier, das keine Kontrolle hat. Nicht selten schwankt Scham zu Selbsthass über und lässt mich für den Rest des Abends in ein tiefes Loch fallen. Ich krümme mich im Bett und frage mich, warum ich nie daraus lerne. Schließlich weiß ich, wie falsch es ist so viel zu essen. Mein Magen hat nicht das Volumen einer gelben Tonne. Warum also sage ich „nie wieder“ und tue es dann doch „wieder“?

Ich muss mich nicht schämen.

Ich vergesse es zwar gelegentlich, aber ich bin krank. Ich habe mir diese Krankheit nicht ausgesucht. Wir sagen doch schließlich nicht auch „Schäm dich, du hast Krebs und jetzt fallen deine Haare aus.“ Psychische Erkrankungen ohne optische Wunden werden noch immer nicht richtig verstanden. Ich betrachte den Essanfall als Symptom für etwas anderes. Und inzwischen kann ich den Grund dafür recht gut zurückverfolgen.

Wir müssen aufhören so streng mit uns zu sein.

Und das meine ich nicht in Bezug auf Bulimie, Binge Eating oder sonstigen Essstörungen, sondern allgemein alle psychische Krankheiten. Die Alkohol- oder Drogensucht zum Beispiel ist noch sehr negativ konnotiert, was es Betroffenen nicht wirklich leicht macht damit umzugehen. Ähnlich ist es mit Ängsten. Sicher fallen euch noch weitere Beispiele ein.

Habt ihr manchmal auch ein unangenehmes Schamgefühl, das ihr in euch selbst auslöst? Wenn ja, wie geht ihr damit um?

Habt einen schönen Montag! ♥

 

 

 

17 Kommentare zu „Binge Eeating – Schamgefühl bei Essanfällen

  1. Das ist ein sehr wichtiger Beitrag! Besonders der Satz „Psychische Erkrankungen ohne optische Wunden werden noch immer nicht richtig verstanden.“ Wenn man äußerlich nix sieht, sagen die Leute, was willst du eigentlich? Dir muss es doch gut gehen. Auch wenn sie nur die äußeren Begleitumstände ansehen (Beziehung, Beruf, Umfeld etc.), das kann ja alles gut und vorhanden sein und dennoch kann man psychisch krank sein! Irgendwie verstehen das die meisten Leute nicht…

    Gefällt 5 Personen

      1. „Psychische Erkrankungen ohne optische Wunden werden noch immer nicht richtig verstanden.“

        Dazu fallen mir zwei Dinge spontan ein: a) was nicht greifbar ist, können/wollen Andere nicht nachvollziehen oder akzeptieren. Das gilt auch für ganz andere Kontexte, ich kenne das aus dem beruflichen Umfeld. b) Gerade weil es für Außenstehende nicht nachvollziehbar ist, sind diese Krankheiten eben auch welche, die mal eben schnell bzw. leichter herangezogen werden können, wenn da jemand nur eine „Auszeit“ haben möchte. Hatte vor ein paar Wochen solch einen Fall erlebt, wo sich gleich im Dutzend Leute ’nen gelben Schein geholt haben wegen „mentaler Beeinträchtigung“. Die wollten nur den Trainer loswerden.
        Genau solche Aktionen tragen auch dazu bei, daß man die wirklich von solchen Krankheiten Betroffenen nicht versteht oder im schlimmsten Fall nicht ernst nimmt.
        Desto besser, wie offen Du hier darüber schreibst!

        Gefällt 3 Personen

  2. Ich stimme Dir da voll und ganz zu, dass die psychischen Krankheiten nicht wirklich immer in der Gesellschaft Ernst genommen werden bzw. auch nicht wirklich verstanden werden.
    Warum es so ist, weiß ich auch nicht. Was denkst Du?

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  3. Liebe Mia,

    ich werde auch sehr offen schreiben … –

    manchmal denke ich, dass Menschen die (Gott sei Dank!) nie psychisch krank gewesen sind, psychische Krankheiten, vor allem die Vielschichtigkeit und Tiefe ihrer Ursachen, generell nicht zu verstehen vermögen. Abgesehen von denen, die sich ganz professionell damit befassen. –

    Ich erwarte das von meinen Umfeldern auch gar nicht mehr. Ich bin schon froh, wenn es mal mehr mal weniger Verständnis gibt. Denn ich weiß, wie lange ich selbst gebraucht habe, zu VERSTEHEN. Und doch sind da bis heute immer noch und immer wieder Zweifel oder auch neue Fragen, auch bei mir selbst.

    Ich denke, dass ich auf meinem Weg etliches erreicht habe, aber ich weiß auch, dass ich nach wie vor nicht „richtig“ nicht „wirklich“ gesund bin. Und zwar mal ganz unabhängig davon, dass ich schon seit Jahren fortgesetzt Antidepressiva verschrieben bekomme und weiß, dass diese mir immer wieder die Spitzen manches „Eisbergs“ nehmen also mir tatsächlich eine Hilfe sind.

    Ich empfinde immer wieder Ängste, so viele Bereiche betreffend (man hat bei mir eine generalisierte Angsstörung diagnostiziert) und habe auch immer wieder depressive Episoden.

    Und um Deine Frage ganz klar zu beantworten: Ja, vor allem deswegen, aber auch wegen vielem anderen schäme ich mich immer wieder. Situativ unterschiedlich ausgeprägt, aber manchmal so sehr, dass ich ganz im Erdboden verschwinden möchte. Rational weiß ich, dass das nicht richtig und nicht gut ist. Aber ich habe es trotz aller Therapien bislang nicht geschafft, mich nicht mehr zu schämen.

    Ich ahne, dass diese Scham, derjenenigen, die Dich nach einem „Versagen“ bezogen auf das Essen befällt, sehr ähnlich ist.

    Damit umzugeghen ist für mich nach wie vor unsagbar schwer. Meine Erkrankung, meine Symptome sind im Laufe so vieler Jahre CHARAKTERISTISCH für mich geworden – und die Scham ein Teil meines Charakters, charakterbildend sozusagen (nicht allein natürlich aber eben als ein Baustein) Das ist eine große Hypothek – zumal hinzukommt, dass ich seit ehedem bis heute ein nur wenig selbstbewusster Mensch bin.

    Es klingt vielleicht narrisch, aber in den schlimmsten Phasen meiner Scham, versuche ich mir selbst zuzureden, mich zu trösten, an Menschen zu denken, die zu den wenigen gehören die VERSTEHEN. Es ist unsagbar wichtig, sich nicht ganz allein zu fühlen oder gar zu wissen.

    Hast Du eine andere, eine effektivere, wirkungsvollere Strategie?

    *

    Dein Mut so deutlich zu schreiben hat mir den Mut gegeben, es hier heute auch tun zu können. Danke dafür! Du hast damit ein Empfinden Hilfe bekommen zu haben in mir ausgelöst.

    Ganz liebe Grüße an Dich ❤ !

    Gefällt 4 Personen

    1. Ich kann mich ballblog nur anschließen! Deine so ehrliche Erfahrung hier mit mir zu teilen bedeutet mir sehr viel! Dass Menschen bewusst die Augen schließen kann ich mir gut vorstellen. Natürlich ist es nicht unsere Aufgabe alle belehren zu müssen, aber manchmal ist es schon frustrierend, dass du oder ich so selten verstanden werden…

      Scham zu empfinden ist eigentlich das am wenigsten hilfreiche und doch entsteht es! Verrückt! Ich hoffe, dass wir sie eines Tages loswerden!

      Liebe Grüße ❤️

      Gefällt 2 Personen

  4. Liebe Mia,
    danke für diesen tollen, sehr hilfreichen Beitrag! Er tat mir gerade echt gut, denn auch ich kenne Scham, Selbstablehnung und Schuldgefühle in Bezug auf meine Erkrankungen. Z.B. immer dann, wenn ich mir wieder Haare ausreiße und/oder an meiner Haut kratze, bis diese sehr unschön aussieht. Wie oft habe ich mir geschworen, jetzt aber damit aufzuhören, dass jetzt das letzte Mal war … Nur um dann wenige Stunden/Tage später, wenn mich etwas besonderes emotional belastet, wieder damit anzufangen.
    Es ist so leicht und verführerisch, sich dann nachher für den Rückfall zu hassen und so wichtig, dass nicht zu tun und freundlicher mit sich umzugehen.

    Liebe Grüße

    Gefällt 4 Personen

    1. Danke für deine lieben Worte! ❤️ ich kann mir gut vorstellen, wie frustrierend es für dich sein muss etwas nicht tun zu wollen und dann doch zu tun. Das kommt mir nämlich auch bekannt vor. Wenn diese Scham nur verschwinden würde…denn eigentlich hat sie dort nichts verloren!

      Liebe Grüße!

      Gefällt 1 Person

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