Ruhemomente und psychische Krankheiten – Meine Essstörung brach aus, als es mir endlich besser ging

Es wird besser, wenn das Leben besser wird? Nein, vielleicht wird es noch schlimmer. Ich möchte euch hier erzählen, warum sich psychische Krankheiten oft Ruhemomente im Leben suchen und meine Essstörung erst dann ausbrach, als es mir endlich wieder besser ging. 

Meine Essstörung begleitet mich schon seit einigen Jahren. Wie viele andere psychische Krankheiten schlich sie sich jedoch sehr langsam an. Die ersten Symptome zeigten sich etwa ein Jahr vor meinem großen Ausbruch. Und der Ausbrach kam in einem Moment, in dem ich ihn am wenigsten erwartet hätte.

Endlich ging es mir besser.

Ich wurde an meiner Traum-Uni angenommen, lernte liebe Menschen kennen und hatte einen angenehmen Start. Mein Liebeskummer ließ endlich nach, zu Hause wurde es auch endlich besser und es ging mir so gut wie schon lange nicht mehr.

Und dann brach meine Krankheit aus.

Obgleich sich meine Essstörung seit einem Jahr angebahnt hatte und ich von einer anorektischen Phase heimgesucht wurde, brach sie erst dann richtig aus, als es eigentlich keinen Grund dazu gab.

In der Therapie sprach ich über meinen Frust.

„Warum jetzt“?, fragte ich sie. „Warum jetzt, wo es mir besser geht?“

Die Therapeutin fand meine Entwicklung nicht ungewöhnlich. Sie erzählte mir, dass der Körper und Geist bewusst Ruhemomente aussucht, um endlich ausbrechen zu können. Deshalb würden auch viele Menschen im Urlaub krank werden, weil der Körper vorher die ganze Zeit gestresst ist und gar nicht die Zeit und den Raum hat, um endlich krank zu werden. Das klang für mich ziemlich einleuchtend, denn ich kannte es selbst, dass ich in enormen Stresssituationen immer funktionierte und erste am Wochenende oder in den Ferien krank wurde. Meine Essstörung staute sich also wie ein Fass auf und brach schließlich aus, als es die Zeit dafür hatte. Vorher war sie wie eine tickende Zeitbombe.

Prompt wurde die beste Zeit meines Lebens zur schlimmsten. 

Obwohl „alles“ in meinem Leben endlich rund lief, ging es psychisch bergab mir mir. Dadurch konnte es mir gar nicht gut gehen, denn egal, wie positiv der Tag war, ich war zu krank, um ihn genießen zu können.

Macht euch keine Vorwürfe!

Ich fühlte mich schlecht, weil ich eine aufregende Zeit, in der es mir endlich gut ging, nicht richtig genießen konnte. Dadurch zog ich mich selbst noch mehr runter und verschlimmerte meinen Zustand. Heute weiß ich, dass es nichts mit fehlender Dankbarkeit zu tun hat. Ich war dankbar. Aber ich war trotzdem auch krank. Und die Krankheit brauch aus, als es mir endlich gut ging. Vorher hatte ich ihr nicht den Raum dafür gegeben.

Psychische Krankheiten müssen leider ausbrechen, denn nur so können sie behandelt werden.

Ihre Symptome zu verdrängen und das Leben mir Stress zu füllen, wird nicht ewig funktionieren. Seid euch also bewusst, dass ein Ruhemoment oft kein Ruhemoment hat und oft nur die Zeit ist, in der etwas anderes endlich einen Raum bekommt. Deshalb ist Stress auch blöd 😛 Entfernt ihn am besten so gut es geht aus eurem Leben!

Kennt ihr das Gefühl, das euch etwas einholt, wenn ihr euch eigentlich endlich eine Verschnaufpause gönnt? 

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16 Kommentare zu „Ruhemomente und psychische Krankheiten – Meine Essstörung brach aus, als es mir endlich besser ging

  1. Ich kenne das von mir selber sehr gut. Ich muss „mir Zeit für meine Depression nehmen“, um Dinge verarbeiten zu können.
    Als ich mich vor zwei Jahren von meinem Ex getrennt habe, ging es mir danach erstmal ein paar Monate lang richtig gut. Ich hatte einen neuen Job, ging häufig mit Kollegen weg, war jeden Tag nach der Arbeit noch damit beschäftigt, meine neue Wohnung einzurichten und zu renovieren, habe kaum geschlafen und fühlte mich trotzdem gut. Aber ich wusste auch da schon, dass das nur die Ruhe vor dem Sturm war. Wirklich schlimm wurde es dann erst in den Weihnachtsferien, als ich dann endlich zur Ruhe kam. Im Zuge dessen habe ich dann ja auch meinen Blog angefangen…
    Und auch heute muss ich mir aktiv Zeit und Ruhe nehmen, um nachzufühlen, was so alles in mir rumort, wenn ich nicht riskieren möchte, dass es dann einige Tage später im ungünstigst-möglichen Moment herausbricht. Ich muss aktiv aus dem „Funktionieren-Modus“ heraustreten und mir erlauben, unangenehme Gefühle zu spüren.

    Liebe Grüße ❤

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    1. Danke für deinen Kommentar! Mit der Ruhe vor dem Sturm triffst du es auf den Punkt! Dass es plötzlich ausbricht zeigt ja auch, dass man sich keine bewusste Zeit genommen hat, das Problem zu überarbeiten und manchmal geht das ja auch gar nicht. Dennoch holt es uns früher oder später wieder ein – leider!

      Liebe Grüße! ♥️

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  2. Ja, und wie ich das kenne. Dummerweise führt das bei Freunden und Bekannten zu wenig Verständnis. Solange das Chaos groß genug ist, funktioniere ich – sobald sich alles geregelt hat und ich durchatmen kann, verletze ich mich doch wieder, obwohl es während der (äußeren) Krise ohne ging. Das ist für Außenstehende sehr schwer zu verstehen.

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  3. Das klingt alles sehr logisch und nachvollziehbar! Ich kenne das Phänomen, in ruhigen Momenten und nach stressigen Phasen krank zu werden zwar auch, aber ehrlich gesagt habe ich es fast immer nur auf die physische Gesundheit bezogen (wenn man Körper und Geist jetzt künstlich voneinander trennt). Natürlich ergibt es vollkommen Sinn, dass es mit psychischen Krankheiten genauso ist! Ich glaube, diese Erfahrung mache ich erst jetzt. Es ist auch oft schwer, aus diesem „Funktionieren-Modus“, wie Grübel-Eule oben schreibt, erst einmal rauszutreten. Oft merkt man glaube ich gar nicht, dass man darin steckt! Aber ja, wie du schon sagst, das bedeutet Stress und zu viel Stress ist nie gut.

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    1. Danke für deinen Kommentar!:) und ich stimme dir vollkommen zu – auch für mich ist es gar nicht so leicht aus dem Funktioniert-Modus zu treten; abgesehen davon schlägt sich niemand ungern mit seinen eigenen Problemen herum 🙈

      Liebe Grüße!

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  4. Ich kenne (leider) Beides.

    Also einmal, dass es einen Zusammenbruch gibt, wenn man tatsächlich am „überheißlaufen“ ist, der Stress so groß ist, dass es nicht mehr weiter geht.

    Meistens zeigt sich das dann wohl in Symptomen, die als „Burn-Out“ zusammengefasst werden. – (Zu) Selten wird allerdings gesehen, dass sich hinter einem Bourn-Out“ oft viel mehr verbirgt, dass die Seele im Stressmodus krank geworden ist. – Und dann tritt das ein, was Du beschrieben hast, liebe Mia, der Ausbruch dessen, was bislang verborgen lag – etwa in Gestalt depressiver Episode, diue unterschiedliche Schweregrade haben. Oder in Gestalt von Panikattacken, Albträumen, die dann auftreten, wenn man eigentlich ruhig schlafen KÖNNTE.

    Ich habe das alles viele Male erlebt, und kann Dir also nur zustimmen.

    Mein derzeitiges Stresslevel macht mir insoweit gerade nicht unerhebliche Sorgen. Aber ich will den Teufel auf keinen Fall auch noch an die Wand malen …

    Von Herzen liebe Grüße an Dich! 💖

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    1. Oh ja, lieber sternfluesterer. Der Zusammenbruch nach einem Burnout ist leider auch nicht zu unterschätzen! Dies ist eben auch eine Form von „Symptom“, die dem Körper zeigt, dass „das“ gerade zu viel für ihn ist. Genau wie die andere Methode, die „stillere“, die sich langsam anbahnt und bewusst die Momente sucht, in denen der Körper endlich ruhen will!

      Ich wünsche mir, dass dein Stresslevel so schnell wie möglich nachlassen wird! Ein Nachbeben wäre nun wirklich das letzte, was man nun will!

      Liebe Grüße! ❤

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  5. Hallo Mia,

    mir ging es ähnlich wie dir. Meine Zwangsstörung hatte ich schon seit dem Teeniealter, aber richtig schlimm wurde erst mit 20, als noch Depression und Angstsymptome dazu kamen. Ich habe das damals und auch lange danach nicht verstanden, denn „es war doch alles gut“: gerade ein gutes Abi gemacht, mit dem Wunschstudium angefangen, glücklich vergeben, erste eigene Wohnung … Erst Jahre später wurde mir einiges klar, warum es gerade dann dazu kam.

    Lieben Gruß

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  6. Ich kann das in einer ähnlichen Form bestätigen. Meine Tochter war sehr lange, sehr krank. Wir waren viele, viele Monate im Krankenhaus. Dort und zu dieser Zeit funktionierte ich wie ein Uhrwerk. Irgendwann bekam sie dann doch die Kurve und ihr Zustand besserte sich enorm und wir wurden entlassen. Als wir endlich wieder zu Hause angekommen waren und uns eingelebt hatten, bekam ich es mit heftigen Panikattacken zu tun, was mir bis zu diesem Tage völlig fremd war. Der Körper und der Geist wartet anscheinend darauf, bis der notwendige Platz und die Bühne gegeben ist…

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  7. Was für ein spannender Beitrag und auch hier habe ich wieder eine nützliche Erkenntnis gefunden. Danke dafür 🙂 Als ich meinen Traumjob hatte, ließ ich mich in eine ganz schreckliche, missbräuchliche „Beziehung“ reinziehen. Ich habe mich immer gefragt, warum ausgerechnet dann! Warum ausgerechnet in dem Moment meines Lebens, wo alles hätte so schön sein können…und es wurde dann der absolute Albtraum. Hier finde ich wieder eine Antwort. Setze das Puzzle gerade zusammen…
    Liebe Grüße!

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    1. Danke für das Teilen deiner ehrlichen Erfahrung! Ich kann mir gut vorstellen, wie verwirrend es gewesen sein muss, als plötzlich alles gut lief und ausgerechnet dann so etwas Blödes passierte! Hoffentlich ist diese person nicht mehr Teil deines Lebens!

      Liebe Grüße!

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