Nach der Essstörung ist vor der Essstörung – Ein Label, das man einfach nicht loswird

Sich einer Essstörung zu bekennen, ist wie ein Label, das man, selbst wenn es einem wieder besser geht, einfach nicht mehr loswird. Was es mit den (ehemals) Betroffenen macht, und warum das Label manchmal sogar gut sein kann, erkläre ich in diesem Beitrag.

Essstörungen kommen leider sehr häufig vor, viel häufiger, als sich Betroffene selbst bekennen. Wenn sie es tun, vergisst man das nicht. Und das ist gut so. Natürlich sollte man einen Menschen deshalb nicht anders behandeln, aber es ist wichtig, die Krankheit keinesfalls zu ignorieren. Was Angehörige tun können, könnt ihr beispielsweise hier nachlesen.

 Nun aber zum Geier-Verhalten der Angehörigen:

Essstörung und die Geier

Damals, als ich meiner Familie und meinen Freund:innen von meiner Essstörung erzählte, war es, als würden ständig wie Geier um mich herum kreisen. Da keine:r von ihnen meinen Leidensdruck erahnt hatte, fixierten sie mich auf Schritt und Tritt. Das begann damit, dass sie meinen Körper anstarrten, nach dem Motto „Man sieht ihr gar nicht an, dass sie eine Essstörung hat“ oder „Hm ja, jetzt wo ich’s weiß, ist sie schon sehr dünn.“ All das geschah vermutlich unbewusst, aber ich bemerkte es natürlich trotzdem.

Schlimmer war jedoch das Essverhalten. Alles, was ich aß und nicht aß, wurde im Stillen dokumentiert, vor allem von meiner Mutter. Es folgten Sprüche wie „Du hast doch kaum etwas gegessen“ oder auch „Mach jetzt lieber einen Punkt, sonst überfrisst du dich wieder.“ Meine Eltern sprachen mich als Einzige auf das Essverhalten an, die anderen beobachteten nur. Und das nervte. Obwohl ich wusste, dass sie es nicht böse meinten, sondern besorgt waren, und vielleicht auch auf eine leicht abartige Weise „fasziniert“.

Oft wünschte ich, ich hätte nichts gesagt, aber immer dann, wenn meine Mitmenschen auf mich Rücksicht gaben, weil sie wussten, wie es mir ging, war ich dankbar darum. Es wird automatisch besser, wenn man die Last des Problems nicht mehr alleinträgt.

Essstörung – Ein Label, das man einfach nicht loswird

Ich würde nicht so weit gehen und mich als vollends „geheilt“ bezeichnen. Aber ich bin stabil – und symptomfrei. Mein Essverhalten ist nicht zwanghaft, und meine Gedanken sind ebenfalls frei vom Essen.

Leider trage ich das Label Essstörung trotzdem noch mit mir. Und das hat sowohl seine Vor- als auch Nachteile.

Der Nachteil:

Kein Vertrauen in Betroffene

Da die Essstörung nicht nur mich, sondern meine gesamte Familie traumatisiert hat, ist die Krankheit oft noch in ihren Gedanken. Wenn zum Beispiel der ganze Balg Käse weg ist, denken sie immer sofort an mich. Und wenn ich ablehne, es aber keine anderen „Verdächtigen“ gibt, bleiben sie trotzdem skeptisch. Und das ist verständlich, aber auch sehr verletzend, weil sie mir nicht glauben.

Und das Vertrauen bleibt auch in weiteren Situationen aus:

Wenn ich mir im Restaurant aus Lust Salat bestelle, glauben sie mir nicht. Sie denken, dass ich mir bewusst Kalorien verbiete – so wie früher. Oder bei Magenproblemen. Ich habe einen chronischen Reizmagen und quasi immer Bauchschmerzen. Manchmal braucht es nur eine Gurke, um Sodbrennen bei mir auszulösen, aber viele glauben mir nicht, und denken, dass ich die Bauchschmerzen nur vorschiebe, um dem Essen zu entkommen. Krank zu sein, ist keine Schande, aber es ist anstrengend, immer nur als die Kranke gesehen zu werden, vor allem dann, wenn man längst über den Berg ist.  

Nichtsdestotrotz sehe ich auch einen Vorteil an diesem Essstörungs-Label:

Je mehr Geier uns umkreisen, desto mehr Augenpaare passen auf uns auf.

Oft merkt man es als Betroffene:r nicht, wie man wieder in die Krankheit reinrutscht, und deshalb ist es gut, Leute um sich herum zu haben, die einen darauf aufmerksam machen, dass man ziemlich abgenommen hat, oder immer weniger isst.

Vor ein paar Jahren fragte mich meine Mutter im Urlaub, ob alles ok bei mir sei, weil ihr auffiel, dass ich ziemlich an Gewicht verloren hatte. Es war gut, dass sie mich darauf hinwies, da es mir zwar auch aufgefallen war, ich aber durch ihre Sorge daran erinnert wurde, dass der Gewichtsverlust sehr kritisch zu betrachten war. Manchmal hilft es eben, wenn zusätzliche Augenpaare auf einen aufpassen.

Aber es kommt auf das „Wie“ an.

Fingerspitzengefühl beim „Herumgeiern“

Jemandes Essstörungsvergangenheit nicht zu ignorieren ist sehr rücksichtsvoll. Wir dürfen wachsam sein und es ansprechen, wenn wir fürchten, dass eine Person rückfällig werden könnte. Aber zum Gesund werden gehört auch autonom zu sein und Vertrauen gezeigt zu bekommen.

Wenn ihr euch sicher seid, dass irgendwas nicht stimmt, dann fallt nicht gleich mit der Tür ins Haus. Stichwort Gewaltfreie Kommunikation! Kein: „DU ISST JA GAR NICHTS !!!!1!!“, sondern: „Ich habe bemerkt, dass du heute ziemlich wenig gegessen hast. Ist alles okay bei dir? Ich bin da, wenn du über irgendwas reden willst.“ Bleibt bei der „Beobachter-Perspektive“ und zeigt Anteilnahme.

Aber ich will ehrlich sein: Bei diesem Thema balanciert ihr auf einem sehr dünnen Faden, denn die meisten Betroffenen geben es nicht (vor sich selbst) zu, wenn sie wieder hineinrutschen. Es ist also nicht unüblich, dass sie abwehrend reagieren. Bedrängt sie also nicht, wenn sie nicht reden wollen, und seid da, wenn sie es doch tun.

Soweit zum Essstörungs-Label, das man einfach nicht loswird…

Aber ich vertraue darauf, dass ich mir das Label eines Tages abstreifen kann, und meine Mitmenschen nur noch MICH sehen und nicht mehr den fiesen Schatten der Essstörung! 😊

Habt ihr irgendwelche Gedanken zu dem Thema Label? Auch bei anderen mentalen Krankheiten?

12 Kommentare zu „Nach der Essstörung ist vor der Essstörung – Ein Label, das man einfach nicht loswird

  1. Mich hat all das von dir aufgezählte Verhalten durch Dritte völlig fertig und direkt wieder unfassbar krank gemacht. Insofern fühle ich sehr dabei mit, wenn du sagst, dass man Betroffene bitte nie bedrängen und vorverurteilen soll. 🌞

    Alles Liebe! VVN

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  2. In Watte gepackt werden und all das „Böse“, also die Welt und ihr Tun, auszublenden, damit man bloß nicht belastet wird 🙄
    Das hatte ich nach dem Koma und das war nervig.
    Da ich ja auch eine „Essstörung“ habe, kann ich deinen Punkten nur zustimmen.
    Da ich allerdings allein bin, kommt hier auch oft der Spruch „Hast du schon wieder abgenommen? Du siehst so dünn aus!“ oder auch „Ißt du denn auch genug?“.
    Ja, das ist auch nicht böse gemeint, hat aber Nerv – Faktor hoch 10.

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  3. Liebe Mia,
    Wieder mal ein guter Beitrag von dir, bei dem ich mein eigenes Verhalten hinterfragen lerne. Ich versuche immer sehr sensibel zu sein, wenn ich mit Menschen mit einer mentalen Krankheitsgeschichte zusammen bin. Und es ist wirklich schwierig, das auszublenden. Selbst, wenn die Person über den Berg ist, wie du es sagst, oft haben sich die Erlebnisse oder Schilderungen und Sorgen eingebrannt. Man ist wachsam. Aber das darf natürlich nicht davon abhalten, die Person fordergründig als die Person und nicht als (ehemals) Kranke zu betrachten.
    Vielen Dank dir!
    Und es freut mich immer wieder davon zu lesen, dass du über den Berg bist😊
    Liebe Grüße!!! ❤️

    Gefällt 2 Personen

    1. Danke für deine Worte, liebe Luna! Ich finde es total schön, wenn Menschen ihr eigenes Verhalten immer wieder hinterfragen und sich nicht gleich vor allem zu verschließen. Das fällt mir vor allem bei dir auf und erwärmt mir jedes Mal das Herz! Liebe Grüße zurück! ❤

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  4. Bei mir ist es geradezu umgekehrt. Ich sage von mir selbst, eine Essstörung zu haben (was meine Hausärztin auch bestätigt), ich leide massiv darunter, aber die Fachklinik lehnt die Behandlung ab, und meine Psychiaterin erzählt mir bei jedem Termin, ich soll bitte nicht weiter abnehmen, aber eine Essstörung sei das nicht, „Sie wiegen zu viel“. Ich werde schlicht nicht ernst genommen, und wünsche mir so sehr, endlich diesen „Stempel“ zu bekommen und ernstgenommen zu werden – stattdessen kommt immer nur Borderline, angeblich geht es mir nur um die Aufmerksamkeit, mein Essverhalten sei eigentlich ganz normal und ich simuliere nur bzw. übertreibe absichtlich die Symptome.
    Ich weiß langsam echt nicht mehr, wie es weitergehen soll.

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    1. OMG!!! Das ist so unfassbar! Wie kann sogar eine Psychiaterin etwas so Unsensibles von sich geben?? :O Tut mir so leid, dass dein Umfeld das nicht ernst genug nimmt! An deiner Stelle würde ich auf jeden Fall die Praxis wechseln und zu jemandem gehen, der Essstörungen ernstnimmt. Abgesehen davon können viele Diagnosen auch miteinander einhergehen. Gant viel Kraft!!

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      1. Danke 🙂 meine Freunde nehmen mich ernst, aber das reicht eben leider nicht immer. Die Klinik ist eben der Meinung, sie behandeln nur Essstörungen, und Patienten mit komorbiden Störungen können nicht aufgenommen werden, weil zu komplex. Aber Essstörungen stehen in den seltensten Fällen komplett alleine da, deshalb finde ich das etwas kurz gedacht (vor allem wenn auf der Homepage steht, dass Traumata, Depression, etc. die nebenher bestehen, mitbehandelt werden… *hust*). Solltest du irgendwelche Tipps für Kliniken haben, gern immer her damit. Ich bin nämlich der Meinung, bevor irgendetwas anderes gemacht werden kann, muss das aktuelle Hauptproblem angegangen werden – aber ich bin ja nur Patientin und habe keine Ahnung-.-

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