Mit meiner Figur kann ich es mir nicht „leisten“, das Eis zu essen? Ein Dialog mit der Leistungsgesellschaft

LG: Ja Hallo, Leistungsgesellschaft hier, dürfte ich bitte mit Body Issues sprechen?

BI: Ähm, am Apparat …

LG: Ach, wie schön. Freut mich, dass wir uns so bald wieder hören.

BI: Klar … Was verleiht mir die Ehre?

LG: Tatsächlich melde ich mich wegen einer eher strengen Angelegenheit. Es geht … nun ja, ums Essen. Süßes, kalorienreiche Gerichte, wenn man so will.

BI: Was ist damit?

LG: Mir ist zu Ohren gekommen, dass Sie momentan ganz schön viel davon konsumieren.

BI: Äh … (blinzelt) Zu „viel“? Das Eis zum Nachtisch war zu viel? Wer entscheidet überhaupt darüber, was zu viel ist und zu wenig?

LG (seufzt): Nun, die Sache ist die: Eine höhere Kalorienzufuhr bedeutet Zunahme.

BI: Das ist die logische Konsequenz, ja …

LG: Dann verstehen Sie vielleicht, dass man bei höherem Gewicht vielleicht auf die dritte Kugel Eis verzichten sollte.

BI: Warum?

LG: Warum? (lacht peinlich berührt) Nun, ich sage es nur ungern, aber Sie können es sich nicht leisten.

BI: Ich kann es mir nicht leisten? Woher sollen Sie das wissen? Haben Sie Zugriff auf meinen Kontostand?

LG: Nein, nein, so meinte ich nicht. Natürlich habe ich keinen … es geht mir eher um … Ach, jetzt zwingen sie mich sogar, es laut zu sagen. Es geht um ihr Gewicht! Wissen Sie … ich meine das wirklich nicht böse, aber sie wiegen mehr als der Durchschnitt. Das kann für Hänseleien sorgen.

BI: Niemand hänselt mich. Leute wegen ihres Körpers runterzuziehen, ist doch irgendwie total 2001. Und mit Leuten, die so drauf sind, habe ich sowieso nichts zu tun.

LG: Hören Sie. Ich meine es wirklich nicht böse.

BI: Ach ja? Gerade haben Sie mir vorgeworfen, dass ich es mir nicht leisten kann.

LG: Das war kein Vorwurf. Ich will Ihnen helfen.  Sie müssen dafür bloß ihre Ernährung umstellen und sich im Fitnessstudio anmelden. Vielleicht noch ein paar Sportgeräte …

BI: Verstehe.  Ich soll mich aufs Laufband schwingen, mein Geld in Fitnessgeräte verprasseln, und so lange von Diätprodukten leben, bis ich es mir LEISTEN kann, ein Eis zu essen … Und die LEISTUNGSgesellschaft hat gar keinen Vorteil davon?

LG: Ich glaube, sie verstehen nicht, was ich meine.

BI: Wissen Sie, Gerüchte besagen, dass sie und der Kapitalismus ziemlich eng zusammenarbeiten …

LG: Was! Mit denen haben wir überhaupt nichts zu tun!

BI: Und doch scheint mir, dass nur sie beide einen Vorteil davon hätten, während ich mein Eis verliere und noch dazu meinen Selbstwert, nachdem die Leistungsgesellschaft mir erfolgreich eingeredet hat, nicht genug zu sein.

BI: Hey! Jetzt werden Sie aber etwas persönlich …

LG: Wissen Sie was? Ich scheiß auf Sie und ihre widerlichen Maschen. Ich muss mir mein Eis nicht leisten, weil es nichts zu leisten gibt! Das ist bloß Eis, verdammt. Und es ist Sommer! Meine Lust auf etwas Süßes hat nichts damit zu tun, wie viel Kilo ich auf die Waage bringe. Ich muss vorher nichts „leisten“.

LG: Okay, ich merke, Sie sind aufgebracht. Eigentlich gehe ich ungern so weit, aber … (atmet tief durch) Darf ich Sie höflich daran erinnern, dass sie nicht gerade Modelmaße haben?

BI: Und darf ich sie daran erinnern, dass diese Weltansicht voll 2001 ist? Außerdem ist „Model“ ein Beruf und keine Konfektionsgröße.

LG (gehen die Argumente aus): … Vielleicht vertagen wir das Gespräch nochmal.

BI: Vielleicht können sie in der Zeit ihre Verhaltensmuster überdenken. Ich schätze, wir hören uns im Dezember wieder, wenn sie mir meinen Schokoweihnachtsmann miesmachen wollen.

LG: Danke für das Telefonat, Body Issues.

BI (schweigt): Tatsächlich heiße ich jetzt Body Acceptance.

Wir müssen keine Leistung erbringen, um uns leckere Sachen zu gönnen.

Wir dürfen im Sommer mit einem Eis durch die Straßen stolzieren – egal, wie groß, klein, dick oder dünn wir sind. Lasst uns damit aufhören, uns Lebensqualität zu verbieten, weil wir wegen unseres Aussehens glauben, es uns nicht „leisten“ zu können. Das Leben und der Sommer sind zu kurz, um ständig nach permanenter Leistung zu streben.

Passt auf euch auf! ❤

3 Kommentare zu „Mit meiner Figur kann ich es mir nicht „leisten“, das Eis zu essen? Ein Dialog mit der Leistungsgesellschaft

  1. „Gerüchte besagen, dass sie und der Kapitalismus ziemlich eng zusammenarbeiten …“ – Das fand ich herrlich, musste sehr schmunzeln. Vor allem über „Gerüchte“ … – Ansonsten, ein Dialog mit einer sehr wichtigen Botschaft. Ich muss freilich gestehen, dass ich mir manchmal auch schon etwas Essbares versagt habe, weil ich mein(t)e, es mir nicht erlauben zu können. Manchmal bin ich da tatsächlich im Zwiespalt.

    Ganz liebe Grüße an Dich! 💖

    (Noch ein kleiner redaktioneller Hinweis. Hier: „BI: Hey! Jetzt werden Sie aber etwas persönlich …“ müsste wohl „LG“ vorn stehen und nachfolgend dann statt „LG“ „BI“ – da ist Dir, glaube ich im Eifer des Gefechts eine kleine Verwechslung unterlaufen. 🙃)

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