Dienstagabend: Warum habe ich das Seminar nicht geschwänzt?

Zu zweit!

Wir sind heute zu zweit! Warum bloß habe ich nicht auf meinen Instinkt gehört? Warum hat das Pflichtgefühl mich dazu bewegt, heute doch zu diesem Kurs zu gehen? Jetzt sitze ich hier mit klopfendem Herzen, und spüre aufkommende Übelkeit. Ich habe den Text nicht gelesen. Ich habe mich nicht vorbereitet. Ich weiß absolut nicht, worum es heute geht. In 5 Minuten wird meine Dozenten mit demselben fuchsroten Blazer in den Raum treten und sich an das Pult setzen. Und ich kann nicht zurück.

Aber darf ein Kurs überhaupt mit zwei Personen stattfinden? Oder gibt es eine festgelegte Mindestanzahl? Ich meine mich dunkel zu erinnern, dass von vier Personen die Rede war. Oder waren es doch drei?

Okay, zu spät.

Wir sind jetzt zu dritt. Ein weiterer ist dazugestoßen. Was sage ich bloß, wenn ich nach dem Text gefragt werde? Dass ich ihn aus zeitlichen Gründen nicht lesen konnte? Oder weil es einen privaten Vorfall gab?

Nein, das geht nicht. Ich bin eine miserable Lügnerin. Aber ehrlich kann ich auch nicht sein. Die Zeit war zwar knapp, aber definitiv da. Ich habe sie mir nur nicht genommen. Stattdessen habe ich meine Zeit damit vergeudet, zu träumen. Träumen über meine bevorstehende spannende Zeit ab dem nächsten Monat. Ich dachte immer, Trauer würde den Körper lähmen, aber Freude kann es ebenso tun. Ich freue mich so sehr, dass ich an nichts anderes denken kann. Absurd, wie miserabel ich mit Emotionen – ob gut, ob schlecht – umgehen kann.

2 Stunden später…

Ich kann endlich aufatmen. Mich würde interessieren, wie hoch mein Puls zwischen 16- und 18:00 war. Mein ganzer Körper stand unter Strom. Ich meine sogar, dass meine Haare sich leicht aufgestellt haben. Aufgrund meiner Angst vor Versagen habe ich mich zwei Mal zum Melden gezwungen. Ironischerweise war das Thema heute sogar interessant. Und eigentlich war es gut, dass ich da war. Die Dozentin weiß nun, dass ich trotz der stressigen Klausurphase (in der viele mal blau machen) regelmäßig  am Kurs teilnehme.

Ich ärgere mich trotzdem darüber, dass ich nicht geschwänzt habe.

Dieser Leistungsdruck, der auf mir lastet, ist mehr als nur ungesund. Der Grundgedanke, dass „Schwänzer“ nichts erreichen, war schon zu Schulzeiten eine Lüge. Was ist schon dabei, wenn ich mal schwänze? Ist die geistige Abwesenheit nicht gleichermaßen unangebracht? Wovor fürchte ich mich?

Ich habe Angst, bestraft zu werden.

Die Angst vor Konsequenzen ist zu stark, um mich einer freien Einstellung zu öffnen. Die aufkommenden Ängste, nicht zu bestehen und die Konsequenz zu ertragen von vorne zu beginnen, erinnern mich an mein doppeltes Jahr auf der Schulbank. Irgendwie habe ich diesen Niederschlag nie richtig verarbeitet.

Aber das möchte ich nicht mehr. Ich möchte mich nicht ständig zwingen, das „Richtige“ zu tun, wenn es mir schadet. Warum sollte ich bestraft werden, weil ich einen oder mehrere Uni-Kurse schwänze? Warum muss es einen Grund geben (Krankheit, etc.) um nicht zu gehen?

Pro Schwänzen!

Ich möchte keinen schlechten Einfluss verbreiten, aber mein Fazit für heute lautet, ab und an auch mal blau zu machen. Ich weiß, dass sich viele in unserem System diesen Luxus nicht erlauben können (denn dann verschwindet ja ein wertvoller Urlaubstag). Aber trotzdem ist das Leben zu kurz. Ich kann nicht mein ganzes Leben nach dem „Plan“ leben. Mein neuer Vorsatz lautet daher, zu schwänzen wenn ich mich nicht wohl fühle, heute unter Menschen zu treten. Oder aber wenn ich einfach nicht will. Zeitverschwendung sollte keine Sünde sein (Verweis auf Max Webers Kapitalismus Theorie) Zeit ist das kostbarste auf der Welt. Und obwohl ich nicht wie ein Hippie klingen will, so wünsche ich jedem, so oft wie möglich glücklich zu sein und dazu tun, was er oder sie tun will.

Ich klaue mal die Idee vom lieben sternflueserer und schließe meinen Beitrag mit einem passenden Lied ab: Mach blau ♥

11 Kommentare zu „Dienstagabend: Warum habe ich das Seminar nicht geschwänzt?

  1. Ich kenne das gut, würde auch lieber öfter mal blau machen und quäle mich stattdessen in eine unbefriedigende Arbeit, weil da Druck ist, etwas leisten zu müssen, obwohl es mich total abturnt und sich mir oft nicht der Sinn des ganzen erschließt. LG

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  2. Kenne ich, kenne ich, das geht munter so weiter. Heute Mail vom Chef „um Punkt vor Schluss“, dass noch etwas zu erledigen ist. Wann das sein sollte, stand nicht drin, am besten natürlich gestern. Was machst Du? Bleibst sitzen und musst auf die nächste Bahn in einer Stunde warten… Mach mal blau, von Aufregung und Magenschmerzen wird Dir keiner später im Himmel ein goldenes Krönchen aufsetzen 😉 Gruß

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  3. Auch ich kenne das… ich habe aber im letzten Jahr gelernt mich mal raus rauszuziehen. Bevor irgendwann nichts mehr geht bleibt man lieber mal einen Tag zu Hause. Ich habe Kollegen die bleiben wegen einem kleinen Kratzen im Hals im Bett, da können wir uns das mit all unseren psychischen Problemchen erst recht mal gönnen…

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  4. Ich habe mich, glaube ich, nur ein einziges Mal „getraut“, und auch bloß weil „Gruppenzwang“ war, und ich habe es bis heute NIE wieder geschafft.

    Das „liebe“ Gewissen …

    So, und jetzt höre ich mir das Lied da oben richtig GENUSSVOLL an. Du hast übrigens gar nichts geklaut, Du hast nur höchst sinnvoll und angemessen umgeleitet und weiterverteilt!! 🙂

    Sehr in meinem Sinne!

    Herzengrüße an Dich! ❤

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    1. Aber wünschst du dir trotz deines Gewissens manchmal, den Regeln zu wiedersprechen und zu Hause zu bleiben? Die Moral redet mir oft ein, aber eigentlich möchte ich mich nicht immer zu unangenehmen Situationen zwingen.

      Die Herzensgrüße gehen genauso an dich zurück!

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  5. Ich hab im letzten Montag die Erfahrung gemacht, dass es oft sogar besser ist, zu Hause zu bleiben. Wenn man zu sehr unter Druck steht, man mit diversen Sorgen konfrontiert ist oder einfach wie in meinem Fall der „Haussegen“ schief hängt, muss man mal auf die Bremse treten. Vor Weihnachten war ich noch arbeiten (hatte dann zwischen Weihnachten und Neujahr frei) und ich schwöre dir, dass ich dort nichts Produktives zustande gebracht hatte. Also stimme ich da vollkommen zu, dass körperliche Anwesenheit keinesfalls eine Garantie dafür ist, dass man auch etwas schaffen kann.
    Und Pausen tun gut. Ich habe gelernt NEIN zu sagen. Ich hab auch gelernt, meinem Chef zu sagen, dass ich die Arbeit morgen weitermache. Das „schlechte Gewissen“ ist da ein großes Hindernis und man fühlt sich anfangs unwohl – aber es wird irgendwann besser. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass mein Gegenüber nicht automatisch sauer auf mich ist, wenn ich mal NEIN sage. 😉

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