Therapie abbrechen?- Therapiestunde #5

Es gab einen einzigen Moment, in dem ich mit dem Gedanken spielte, die Therapie vorzeitig zu beenden. Auslöser des Ganzen war, dass ich mich von meiner Therapeutin unverstanden und unter Druck gesetzt fühlte.

Wenn ihr schon einige meiner Erfahrungen mit der Therapie gelesen habt, dann wisst ihr sicher, dass ich eine tolle Therapeutin hatte, bei der ich mich sehr wohl fühlte. So einen Glücksfall hat nicht jeder beim ersten Mal und das habe ich stets wertgeschätzt. Aber wie gesagt, gab es diesen einen alles verändernden Moment.

Druck und Zwang

Nach einem halben Jahr in Therapie sprachen wir über mein Essverhalten und warum ich nach wie vor keine Besserung meines Verhaltens zeigte. Für den Kontext ist vielleicht relevant, dass Weihnachten vor der Tür stand und ich ohnehin sehr gestresst und empfindlich war.

Jedenfalls behaarte sie darauf, dass ich  mein Selbstbild ändern musste, um überhaupt gesund zu werden. Ich sollte mit dem Versuch aufhören abzunehmen, da beides (Gewicht reduzieren und gesund werden) nicht funktionierte. Ich sollte in Kauf nehmen, vielleicht 10 Kilo zuzunehmen und trotzdem damit glücklich zu sein. Ihre Theorie war einleuchtend, aber für mich nicht umsetzbar. Ich wollte gesund werden – ja! Aber „dick“ werden? Wäre ich dann nicht noch unglücklicher?

„Warum? Weil Dicke Menschen unglücklich sind?“, fragte sie. Ja? Nein! Ich wusste es nicht. Ich wusste nur, dass ich auf keinen Fall 70 Kilo wiegen konnte. Die +5 Kilo der letzten Monate waren weitaus mehr, als ich ertragen konnte.

Doch ohne den Drang, abzunehmen, würde ich nicht gesund werden, sagte sie. Und das wars. Die Ferien brachen an und wir sahen uns zwei Wochen nicht.

Rückfall

Nach dieser Sitzung stürzte ich radikal in meine Krankheit zurück. All die Fortschritte, die ich gemacht hatte, waren, so schlimm, wie noch nie. Mein Ventil war das Essen. Heimlich, versteckt und gefährlich. Ich war so deprimiert und enttäuscht, dass ich nicht ändern konnte, wie ich eben war.

Abbruch?

Ich dachte viel über die letzte Stunde nach und wollte eigentlich nie mehr zurück. Gleichzeitig fühlte ich mich wie eine undankbare Versagerin, die scheinbar nichts durchziehen konnte und die Hilfe verweigerte, die man ihr gab. Ich sah jedoch keinen Sinn mehr, weiterhin zu gehen, wenn es ohnehin keine Aussicht auf eine Heilung gab.

Nach den Ferien ging ich nicht in die geplante Stunde, obwohl ich damit riskierte, die fehlende Stunde zu bezahlen. Sie schrieb mir eine Nachricht, in der sie fragte, ob alles in Ordnung sei, weil sie mich in der letzten Therapiestunde vermisst hatte. Ich  entschuldigte mich mit der ersten und einzigen Lüge, dass ich ich zu diesem Zeitpunkt angeblich noch verreist ware.

Wiedersehen

Dann sahen wir uns wieder. Ich wusste nach wie vor nicht, wie ich ihr sagen sollte, dass ich die Therapie zu abzubrechen gedachte. Sie sprach mich jedoch gleich darauf an, dass sie den Verdacht hatte, dass mich etwas beschäftigte.

Ich schaute ihr nicht in die Augen, als ich ihr von meinen Ferien erzählte und wie furchtbar sie nach der Sitzung für mich waren. Zu diesem Zeitpunkt sah ich keine Aussicht auf eine Heilung und das sagte ich ihr auch so. Da ich nämlich nicht so einfach meine Einstellung ändern konnte, hatte es keinen Sinn, weiterhin zur Therapie zu gehen.

Ihr Ausdruck auf meine „Beichte“ war unbeschreiblich (reumütig). Sie entschuldigte sich mehrmals dafür, dass sie diesen Druck auf mich ausgeübt hatte und lobte mich gleichzeitig für den Mut, meine Gefühle zu offenbaren. Eine solche Reaktion hatte sie niemals bezwecken wollen. Sie sah selbst ein, dass diese Methode zu „radikal“ für mich war.

Die Option weiterhin zur Therapie zu gehen oder nicht, überließ sie mir. Denn auch sie verstand, dass man manchmal nicht mehr teilnehmen kann. Zum Glück blieb ich da, denn all die neuen Dinge, die ich im Laufe der Therapie dazu lernte, würde ich heute nicht mehr missen. Trotzdem glaube ich, dass sie damals einen Schritt zu weit ging. Das Behandeln von Menschen mit einer Essstörung erfordert viel Sensibilität und Geduld. Und schließlich heilt jeder nach seinem Tempo. Für ihre Entschuldigung bin ich ihr trotzdem sehr dankbar!

Mein Rat für alle jene, die eine Therapie machen: Sagt, was euch bedrückt. Steht etwas im Raum, kann es das Problem eventuell sogar verschlimmern. Ein vertrautes Klima ist für eine Therapie unheimlich wichtig. Und falls ihr euch wirklich nicht im Stande fühlt, die Therapie fortzusetzen, dann lasst es.

Euch allen einen schönen Freitag. ♥

15 Kommentare zu „Therapie abbrechen?- Therapiestunde #5

  1. Sehr interessanter Erfahrungsbericht! Danke dafür.
    Ich stimme dir zu: deine Therapeutin ist da offensichtlich zu weit gegangen, war aber zum Glück dann der Kritik gegenüber offen.
    Ich hätte neugierig noch ein paar Fragen dazu, wenn das ok ist?
    Du schreibst, das sei ein alles verändernder Moment gewesen. Wie genau meinst du das? Was genau hat das verändert? In dir oder im Verhältnis zu deiner Therapeutin – besonders im Nachhinein mit etwas Abstand?
    Würdest du sagen, dass dein Vertrauen zu ihr dadurch dauerhaft gelitten hat? Oder hat die Entschuldigung das soweit wieder gut gemacht? Oder sogar auf lange Sicht das Vertrauen gestärkt, weil du wusstest, dass deine Kritik ernst genommen wird?
    Vielleicht auch eine Mischung?
    Ich meine das nicht wertend und habe keine Erwartung an deine Antwort. Mich würde nur ehrlich interessieren, wie du das im Nachhinein einschätzen würdest.

    Beste Grüße und danke für den Einblick! ❤

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    1. Also ich glaube, es hat sich alles deshalb verändert, weil hauptsächlich sie anders wurde. Im positiven und negativen Sinne. Wir sprachen nur noch wenig über das Essverhalten (dadurch lernte ich auch weniger) und mehr über die verzerrten Grundgedanken. Sie war vorsichtiger und das hemmte auch mich, von selbst zu sprechen. Aber trotzdem war die Zeit danach besonders wichtig weitere Fortschritte machte und unsere Kommunikation eine bessere war 🙂

      Liebe Grüße!

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  2. Deine differenzierte Sichtweise zu diesem Thema beeindruckt mich sehr, muss ich sagen. Du scheinst auch eine sehr liebe Therapeutin zu haben.
    Ich stand vor einiger Zeit vor einer ganz ähnlichen Situation. Zwar fühlte ich mich nicht unter Druck gesetzt, doch ein Ereignis zwischen meiner Therapeutin und mir im Verlaufe der Therapie ließ mich nicht los. Ich war unsicher, wo liegen die Grenzen des Vertrauens?
    Das beschäftigte mich alles ziemlich stark, doch ich habe zu diesem Zeitpunkt geglaubt, es wäre einfach „Schicksal“ und keinesfalls pure Absicht, dass das nun passiert ist.
    Davor konnte ich mir nicht vorstellen, Menschen zu verzeihen UND dann auch noch wieder zu vertrauen. Das hat für mich einfach nicht zusammengepasst. Das vereinte sich nicht mit meinen perfektionistischen Gedanken. Allerdings war dieses Ereignis so ein Erlebnis, bei dem ich aktiv dachte, nein! Menschen müssen und können nicht perfekt sein. Und das ist okay.
    Ich bin ehrlich gesagt so froh, dass ich mit ihr über meine Gedanken diesbezüglich gesprochen habe. Das hat meinen Lernprozess, dass verzeihen und wieder vertrauen zusammenpassen können, erheblich im positiven Sinne beeinflusst – und auch, dass es okay ist, enttäuscht zu sein.
    Ich bin so unglaublich dankbar für das Vertrauen, welches ich ihr wieder / immer noch geben kann.

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    1. Das klingt nach einer wunderbaren Wende zwischen dir und deiner Therapeutin. Man darf natürlich nicht vergessen, dass sie auch nur Menschen sind und Fehler machen. Dass du mit ihr darünber reden konntest, zeigt ja, dass du sogar Lernprozesse beeinflusst werden konnten! Und dass das Vertrauen nicht weg war, ist auch super! Ich glaube nämlich, dass es gar nicht möglich sein kann, sich einem Menschen zu öffnen, ohne ihm überhaupt vertrauen zu können.

      Danke für deinen Kommentar und liebe Grüße!

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  3. Liebe Mia,
    das ist wirklich ein interessanter Beitrag. Ich bin selbst seit zwei Jahren in Therapie (drei bis viermal die Woche) und auch schon in die Situation gekommen, einfach alles abbrechen zu wollen und war hinterher immer so froh, dass ich es nicht getan, sondern die Probleme angesprochen habe. Glücklicherweise hat meine Therapeutin damals so reagiert, dass sie meinte, sie würde mich nicht einfach so gehen lassen. Das hat mich sehr berührt, sodass ich nie wieder auf die Idee gekommen wäre, solche Gedanken mit mir allein auszumachen. Ich finde es gut, dass Du hier darüber schreibst und somit vielleicht auch Menschen erreichst, die ebenfalls gerade zweifeln…

    Sei lieb gegrüßt und hab einen schönen Abend
    Sophie

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    1. Danke dir, liebe Sophie! Dass deine Therapeutin doch nicht kampflos aufgeben wollte, zeigt nur, wie wichtig es ihr war, dass du weiterhin dran bleibst! Die richtige Kommunikation macht eben viel aus! Dennoch besteht natürlich die andere Option, falls ein solches Verhältnis zwischen Therapeut und Patient nicht vorhanden ist.

      Liebe Grüße!!

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  4. Ich bin grade in einer ähnlichen Situation, wenn auch aus anderen Gründen und es ist gut zu lesen, dass es in den nächsten Sitzungen besser werden könnte. Im Moment sind erstmal zwei Wochen Pause und ich glaube das ist auch erstmal gut so.
    Wenn es nach mir ginge würde ich trotzdem nie wieder hin…

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      1. Ich weiß nicht, ob es wirklich „können“ ist. Die letzte Stunde war ziemlich heftig, Psychoanalyse halt, aber insgesamt deutlich „schlimmer“ als sonst. Weiß nicht wirklich, wie ich einige ihrer Reaktionen so verpacken soll und brauche erstmal nen Moment Pause. Denke ich…

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      2. Vielleicht ist ja gerade auch das die Lösung? Die Therapie für ein paar Wochen oder Monate zu pausieren? Wenn du aber wirklich das Gefühl hast, dass es an der Person liegt, dann ist das ganze schon ernster! Wir sollten uns nämlich nicht zwingen, zu gehen, wenn wir uns bei der Person unwohl fühlen!

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      3. Ich weiß es nicht wirklich. Wenn du magst kannst du meinen letzten Post ja lesen, da hab ich das Problem beschrieben. Die Atmosphäre war einfach sehr komisch und das ganze Geschehen etwas viel. Eigentlich bin ich seit über einem Jahr relativ zufrieden mit ihr aber irgendwie…

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