Meine ungesunde Wahrnehmung zum Körper

Es folgt ein kleiner Rückblick der vergangenen Geschehnisse und dem Abschluss einer weniger geistreichen Pointe.

Ich war in den letzten Tagen sehr angeschlagen. Mit einer ordentlichen Grippe lag ich steif im Bett und konnte kaum die Augen öffnen, weil selbst die Augen vom Fieber heiß anliefen und sie bei jedem Wimpernschlag tränten.

Da ich nur im schlimmsten Fall auf Medikamente zugreife, versuchte ich trotz Appetitlosigkeit genug zu essen, viel zu trinken, mich auszuruhen und zu inhalieren.

Und obwohl ich diese Gedanken verachte, sorgte ich mich darum, dass ich mich kaum bewegte und überhaupt keine Kalorien verbrannte. Wie würde ich nach ein paar Tagen aussehen? Würde ich noch in meine Hose passen? Ich spürte förmlich, wie das Fett sich an mein „Doppelkinn“ festsetzte. Und als ich nach drei Tagen auf meinen Körper schaute, musste ich feststellen, dass meine Angst sich bewahrheitet hatte. Um meinen Bauch hatte sich ein sichtbares Fettpolster angesetzt. Bevor ich auf den Rest meines Körpers starren konnte, schmiss ich das Wasser in der Dusche an und vermied mein Spiegelbild.

„Egal“, wiederholte ich im Stillen, während das heiße Wasser auf mich prasselte. „Du willst schließlich gesund werden.“ Aber traurig war ich trotzdem und die ließ sich nicht ändern.

Mittags fuhr ich zu meiner Mutter. Ihr erster Satz ließ mich stutzen.

„Du hast abgenommen“, rief sie laut.

„Hä?“, war alles was ich dachte.

Sie begann mit einem kurzen Verhör. Ich bejahte alles. Ja, ich hatte ausreichend gegessen, ja ich hatte viel getrunken, ja ich hatte mich nicht aus dem Bett bewegt. Da sie weiß, wie mein Verhältnis zum Essen ist, zweifelte sie an meinen Worten, als ich wiederholte, dass ich in den letzten Monaten „artig“ gewesen war.

Meine ungesunde Wahrnehmung zum Körper

Als ich einen Moment für mich hatte, überlegte ich. Wie konnte es sein, dass ich meinen Körper auf diese Weise anschaute und meine Mutter auf eine andere? Und welche von ihnen war richtig?

Ich zog mein T-Shirt hoch und sah auf meinen Bauch. Da! Das Bäuchlein war definitiv da. Ich war schließlich nicht blind.

Aber woher hätte das Pölsterchen wohl kommen sollen? Etwa von dem ganzen Obst das ich aß? Oder den Reiswaffeln, die ich als einzige runterbekommen konnte?

…Oder vielleicht von all dem Wasser, dass ich über die Tage getrunken hatte? Schließlich konnten 3 Liter am Tag nicht einfach so im Magen verschwinden. Und der menschliche Körper besteht ja hauptsächlich aus Wasser.

Dann schaute ich wieder auf meinen Körper. Es stimmte, ich hatte einen „Bauch“, aber um mein Schulterblatt wirkte alles irgendwie zarter. Und auch meine Hose war mir viel zu weit. Ich war dünner geworden.

Der Mensch sieht nur, was er sehen will.

Diese Erfahrung ließ mich eine Erkenntnis laut aussprechen. Ich bin noch lange nicht gesund. Ich habe noch immer eine ungesunde Wahrnehmung auf mich und meinen Körper. Und wisst ihr, was meine Erkenntnis bestärkte?

Ich konnte nicht aufhören zu lächeln. Ich hatte abgenommen, obwohl ich es nicht wollte. Obwohl ich ausreichend gegessen und mich kaum bewegt hatte.

Als ich in mein lächelndes Spiegelbild sprach, erschrak ich. Die Krankheit grinste mir förmlich zu. Ich marschierte zur Küche und belegte mir vier Marmeladenbrote. Es gab keinen Essanfall. Nur ein Statement dazu, dass ich gesund werden wollte. Ich wollte leben und genießen. Nach dem Essen küsste ich meine Handfläche und legte sie auf meinen Bauch.

„Ich liebe dich Bauch“, sagte ich. „Auch, wenn du gerade mit einem Haufen Wasser gefüllt bist. Und selbst wenn das Pölsterchen Fett ist, liebe ich dich.“

Jetzt, halbwegs gesund kann ich auch wieder klarer denken. Natürlich nimmt man ab, wenn man krank ist! Der Körper hat einen viel höheren Umsatz, einen höheren Blutdruck und verbraucht viel mehr Energie. Das habe ich schon in der Schule gelernt und völlig ausgeklammert.

Die Tage im Bett hätten mich eigentlich lehren sollen, wie wichtig es ist, gesund und vital zu sein. Stattdessen bekam ich diese Lektion von meinem Spiegelbild. Vermutlich werden diese Gedanken früher oder später wieder eintreten, aber bis dahin habe ich mich und meinen Körper vielleicht viel mehr lieben gelernt.

Hoffentlich. ♥

12 Kommentare zu „Meine ungesunde Wahrnehmung zum Körper

  1. Liebe Mia, lass Dich nicht verrückt machen! Du bist sicher völlig ok. Diese Welt und Gesellschaft ist ver-rückt!
    Ein Körper der NICHT auf all diesen Wahnsinn reagiert, wäre Krank!
    Das höchst erfolgreiche Evolutions- basierte Salutogenese- Modell rät: Lebe naturrichtig und artgerecht und verschwende nicht einen Gedanken an Negatives bzw. ev. Probleme.
    Alles Liebe und
    paradise your life! 😉

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  2. Dein Text hat mich sehr an ein Gespräch erinnert, das ich während meines Klinikaufenthalts mit einer jungen Frau führte, die an Anorexie litt. Sie hatte auch ganz stark diese spezifischen Wahrnehmungen, die mit der Realität so gar nicht übereinstimmten. Aber sie waren da. Und ich habe verstanden, dass sie für sie WIRKLICH waren.

    So was ist wohl sehr schwer zu „überwinden“ – Ich so als Laie auf diesem Gebiet sehe aber, dass Du insoweit schon ein richtig gutes Stück vorangekommen bist. Denn Dein Eintrag hier erzählt davon, dass Du mittels kleiner Anstöße SELBST feststellen konntest, dass Deine Wahrnehmung nicht dem real gegebenen entsprach.

    Mia, ich wünsche Dir ganz sehr, dass Du Dir diese Erfahrung bewahren kannst und als nächsten Schritt, auf sie zurückgreifen, ihr vertrauen kannst. Nach und nach.

    Mich hat es sehr, sehr gefreut, dass Du die Erfahrung machen konntest und ebenso sehr, dass Du sie hier geteilt hast.

    Und richtig gerührt schmunzeln musste ich hier: „Ich liebe Dich Bauch …“ – Das ist so schön, so allerliebst!!

    Genauso allerliebste Grüße an Dich! ❤ ❤ ❤ ( 😉 )

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  3. Liebe Mia,
    danke für deine ehrlichen und realitätsgetreuen Einblicke in deine Gedankenwelt. Es ist wichtig, der unwissendens Welt zu zeigen, wie sich eine Essstörung wirklich äußert. Das Größte und Schwerste läuft innen ab, abgeschottet von der Sichtbarkeit, die jeder glaubt über andere zu haben.
    Essstörungen sind so viel mehr als nur das Gewicht, was das Umfeld wahrnimmt und kritisieren und zerfleischen kann.
    Abgedroschen Phrasen bringen dir nichts, ich weiß. Dennoch habe ich dich als einen wunderbaren Menschen kennengelernt, der für sich kämpft und dafür hast du meinen allergrößten Respekt. Es ist so verdammt hart, jeden Tag dem gleichen Krieg gegen den eigenen Körper und der Esserei und den unsteten Gedanken standzuhalten. Du kennst den richtigen Weg und du kennst theoretisch alle Hilfsmittel und weißt wie ein Trainer, wie es *eigentlich* laufen müsste. Doch der Kopf und Körper schwenkt von der *gesellschaftlich einfachen* Logik automatisch weg.
    Ich wünsche dir weiterhin eine gute Genesung und ich bin gerade dankbar, dass ich dich vor meinen Viren, die mir aktuell in der nase kitzeln, schützen kann.
    Alles Liebe
    Michaela

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    1. Liebe Michaela, Danke für deinen wunderschönen Kommentar und deine mutmachenden Worte! Ich versuche immer häufiger bewusst die Momente wahrzunehmen, in der sie Krankheit mir wortwörtlich ins Gesicht blickt. Durch all das reflektieren entgeht man vielleicht irgendwann der verzerrten Wahrnehmung!
      Liebe Grüße!❤️

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    1. Aber wer entscheidet schon, was viel ist, wenn man sich wohl und gesund in seinem Körper fühlt? Das Schönheitsideal? Und die Meinung der anderer? Letztendlich hat man am Ende des Tages nichts davon und ich finde es sehr schön, wie du dich reflektierst:) alles Liebe!

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  4. Als ich deinen Beitrag las, war ich betroffen – wie schwer mag es sein, sich aus dieser Krankheit zu befreien – und wie mutig und beeindruckend gehst du diese Befreiungsreise an! Ich liebe dich Bauch – ein wunderbarer Satz, der laut in die Mädchen- und Frauenwelt geschrieen werden sollt – mit einem liebevollen Drüberstreicheln. Alles Liebe dir!

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