Tollpatschig und undizipliniert: Das Schicksal der „dicken“ Menschen

Ich erzähle euch mal von meinem Bekannten. Er wohnt in der WG eines guten Freundes und ist super lieb. Würde ihn mir jemand beschreiben, würde die Antwort wohl „Der Dicke“ lauten.

Dieser Beitrag soll das Weltbild visualisieren, in welchem übergewichtige Menschen gefangen sind.

Tim, der „Dicke“

Nennen wir ihn Tim. Tim gilt in seinem Freundeskreis als „der Lustige“. Er ist langsam, tollpatschig und isst viel. Wenn ich viel sage, dann meine ich viel. Zum Frühstück gibt es Pizza und einen Liter Cola. Mittags im Restaurant bestellt er sich gleich zwei reichhaltige Mahlzeiten. Abends isst er vorm Fernseher Chips und Schokolade. Zum Nachtisch gibt es ein Eis.

Obwohl ich finde, dass jeder das Essen sollte, was er will, mache ich mir über seinen gesundheitlichen Zustand ernsthafte Sorgen. Aber niemand sagt etwas. Tim darf es. Denn er ist ja „dick“.

Der „Dicke“ soll viel essen!

Mir fiel auf, dass die anderen förmlich erwarteten, dass er eine Menge aß. Alles Gesunde, das er in der Hand hielt, wurde prompt aufgebauscht, so nach dem Motto. „Waas, du isst ernsthaft Gemüse?!“

Das ungesunde Essen jedoch wurde mit einem amüsierten Lächeln weggenickt. Tim, der „Dicke“ muss ja schließlich seinen Ruf wahren. Immer wieder macht er Witze auf seine Kosten. Mein Freund hält das für sympathisch,weil er den Mut hat, über sich selbst zu lachen. Ich denke, dass er gar keine andere Wahl hat, als entweder der „dicke Außenseiter“ oder der „fette Komiker“ zu sein.

Die Klischees über dicke Menschen

Eines Abends saßen wir am Küchentisch und sprachen über eine Schauspielerin, die aufgrund ihres Gewichtes ständig die gleichen Rollen bekam. „Na und, ich bin auch fett und lustig“, verteidigte Tim sie. Die anderen lachten. Ich blieb still. Tim weiß, welche Betrachtungsweise er vermittelt, aber anstatt sich dagegen zu wehren, hat er sich an die Klischees angepasst.

Mir scheint, dass die Tatsache, dick zu sein, gleichermaßen im Stillen erfordert, auch dick zu leben.

Also viel essen, keinen Sport machen und auf liebenswerte Art sympathisch sein. Tim erfüllt all jene Kriterien. Doch tut er dies vielleicht auch nur, weil er in diese Richtung gedrängt wird?

Wenn ein übergewichtiger Junge beim Sport immer als letzter in die Gruppe gewählt wird, verschwindet doch sicher automatisch der Drang, mehr Sport zu treiben. Dies ist nur ein Beispiel von jenem Vorurteil, das entsteht, und womit ein jener wie Tim von Anfang an lebt.

Essstörung!

Ich erkenne einen Kranken sofort. Und Tim und ich sitzen definitiv im selben Boot. Nur eben auf eine andere Weise. Ich verberge meine Krankheit und er lebt sie förmlich aus. Die Art und Weise, wie er isst, und wofür er es kompensiert, hat nichts mit einem gesunden Hunger zu tun. Dieser Hunger ist seelisch.

Natürlich sprechen seine Freunde mit ihm. „Du musst endlich abnehmen.“ „Komm mit zum Fitness.“ Aber so leicht ist es nun mal nicht. Man ändert nicht nur das Essverhalten, sondern muss sein Leben umstellen. Aber mir scheint, dass er sich damit abgefunden zu haben, übergewichtig zu sein. Er bemüht sich nicht mehr um neue Freundschaften und hat den Wunsch einer Beziehung völlig aufgegeben. Warum ist das so? Weil die Menschheit uns sagt, dass wir nur dann eine Beziehung haben können, wenn wir magerdünn sind? Weil dicke Menschen nicht so viele Freunde haben, wie dünne?

Ich wünschte, ich könnte ihm helfen. Die Tatsache, dass er unangenehmen Themen prinzipiell ausweicht, verhindert jedoch, dass ich mit ihm über intime Dinge sprechen kann.

Das Aussehen und Gewicht spielen keine Rolle!

Ich schließe diesen Beitrag mit einem Appell ab. Ein Appell an uns, die Mitmenschen, die einen Freund oder eine Freundin nicht auf das Aussehen oder Gewicht reduzieren sollen. Gleich behandelt werden wir vermutlich nie, aber diese Weltbilder der „Dünnen“ und „Dicken“ reißen die Kranken noch tiefer hinein. Sind wir schuld, weil sie krank werden?

Vielleicht…

War ich wieder wertend? Oder sehr provokant? Ich weiß es nicht.

Auf jedenfall leidet Tim darunter. Und es wird sich nicht ändern, solange er immer wieder auf den klassischen „Dicken“ reduziert wird. Nun ja, so viel dazu.

Habt alle eine schönen Freitag und eine angenehme Osterzeit! ♥

11 Kommentare zu „Tollpatschig und undizipliniert: Das Schicksal der „dicken“ Menschen

  1. Ich denke auch, dass dein Freund darunter leidet. Sonst würde er auf die Kommentare nicht reagieren und vor allem nicht mit „lustigen“ bzw. ironischen Sprüchen darauf antworten. Für mich zeigt seine Reaktion, dass es ihn auf jeden Fall beschäftigt. Und es scheint mir, er habe sich mit seiner Situation abgefunden, schließlich ist es so auch bequemer – und der Mensch ist bequem. Schade, dass er nichts unternimmt. Nicht wegen seines Gewichts, aber wegen seiner Gesundheit. Ich stimme dir vollkommen zu: Wir müssen aufhören, Leute auf ihr Gewicht zu reduzieren!

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  2. Mein Uraltstudienkumpel ist auch einer derjenigen, die etliche Kilo zuviel bei sich tragen.

    Er wird auch kaum noch was an seinem Lebenstil und seinen Essgewohnheiten ändern. Wir eden auch nicht darüber, weil wir uns immer so angenommen haben, wie wir sind (nachdem wir uns zu Beginn meiner ersten Studienzeit mal ziemlich gefetzt hatten – seither – das war vor knapp 35 Jahren (!!!) – weiß jeder wie der andere tickt).

    Ich kenne ihn so gut, dass ich sehr wohl weiß, dass auch seine Seele Pflaster trägt, obgleich er ein komplett anderer Typ ist als ich. Und wahrlich nicht nur fröhlich Tage kennt und wahrlich nicht immer mit sich selbst im Reinen ist …

    Kein Mensch gehört in eine Schublade, ob dicker oder dünner.

    Dein Eintrag zeigt wieder einmal Deine feine Beobachtubngs- UND Wertungsgabe, liebe Mia.

    Hab‘ eine schöne Osterzeit! Ganz liebe Grüße dazu! ❤

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    1. Wie schön, dass auch du das so siehst, lieber sternfluesterer. Du triffst es auf den Punkt: Kein Mensch gehört in eine Schublade. Die Geschichte deines Freundes scheint ja doch recht ähnlich zu sein, wie die meines Freundes.

      Liebe Grüße und einen schönen Ostersonntag morgen ❤

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  3. Liebe Mia, dein Beitrag hat mich zum Nachdenken angeregt… Warum habe ich manchmal Hemmungen, draußen laufen zu gehen? Weil niemand meine „Problemzone“ Bauch sieht, wenn ich stattdessen zuhause am Heimtrainer radel… Ich will mich aber nicht verstecken, nur weil ich keine athletische Figur habe. Das fällt mir manchmal nicht leicht… In diesem Sinne: danke für deinen Beitrag und ich werd‘ mich heute wieder überwinden und draußen laufen gehen! Ich wünsche dir schöne Ostern!
    🌸

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    1. Liebe Emilia,
      Ich Danke dir für deine Worte – sie bedeuten mir sehr viel!! ❤️

      Sobald man auch nur ansatzweise nicht der Idealfigur entspricht, denkt man, falsch auszusehen und das stimmt nicht. Die meisten von uns haben keine perfekte Figur und das müssen wir auch nicht, weil wir Menschen sind!

      Ganz liebe Grüße und dir auch frohe Ostern!

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  4. Ich denke, dass du hier etwas sehr wichtiges ansprichst.

    Woher soll ein kranker Mensch die Kraft und Motivation nehmen, sein Leben zu ändern und gesünder zu werden, wenn er über Jahre gelernt hat, sich selbst und seinen Körper nicht zu lieben, sondern vielleicht sogar zu verabscheuen?

    Für Dinge, die man als wertvoll erachtet, ist man viel eher bereit, Aufwand zu betreiben, um sie zu pflegen, als für Dinge, die man als ungenügend/schlecht erachtet. Und das gilt für den eigenen Körper/die eigene Seele genauso, wie für Freunde oder Besitztümer.

    Deshalb finde ich das body positivity movement auch so wichtig und werde regelrecht aggressiv, wenn das dafür kritisiert wird, weil es ja von dicken Menschen als Ausrede genutzt werden würde, sich nicht mehr zu bemühen, gesünder zu leben.

    Ich bin sicher, dass dein Freund genau weiß, wie ungesund sein Essverhalten ist. Und wenn Menschen versuchen ihm zu helfen, abzunehmen oder auch nur darüber zu sprechen, fühlt er sich vermutlich sehr unter Druck gesetzt und noch mehr auf sein Gewicht reduziert, sodass er sich dann noch weiter zurück zieht und die gut gemeinten Angebote nur zu einer Verfestigung der ungesunden Gedankenmuster und Verhaltensweisen führen.

    Was kann man also stattdessen tun?!
    Der Wunsch nach Veränderung muss immer von innen kommen. Vielleicht sind seine Muster schon so verfestigt, dass man da nicht mehr an ihn ran kommt. Dann, finde ich, sollte man ihm das bisschen Freude, das er aus dem Essen zieht und daraus, dass er zumindest über seinen Witz irgendwie angenommen wird, gönnen und ihn sein Leben so leben lassen, wie er das für richtig hält.

    Aber vielleicht kann man ihm auch noch dabei helfen, zu lernen, sich selbst zu lieben und sich selbst nicht mehr auf „dick aber lustig“ zu reduzieren…?

    Beste Grüße und frohes Ostern ❤

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    1. Ic glaube auch, dass Druck eher bezweckt, in die andere Richtung zu gehen…wie man da individuell vorgehen kann, ist mir leider auch nicht klar. Aber ich glaube, dass wenn sich die Grundeinstellung dazu ändern würde, die Menschen vielleicht eine andere Sicht dazu hätten.

      Danke für deine intelligenten Einwände und liebe Grüße!!

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  5. Liebe Mia,
    ich bin froh, wie du deine Krankheit mit seiner gegenüberstellen kannst. Das wünsche ich mir auch oft von Menschen aus meiner engsten Umgebung. Es geht hierbei ja nicht darum, Aufmerksamkeit zu erlangen, sondern eher darum, dass Menschen einem „Erkrankten“ Feingefühl entgegenbringen. Wobei ich nicht unbedingt nur von mir sprechen möchte, vermute ich einfach mal, dass Einen das schon mal ein wenig weiterbringt auf dem Weg zum gesunden Verhältnis zum Essen, wenn eine einzige Person demjenigen/derjenigen das Verständnis entgegenbringt, welches er/sie durch seine/ihre eigenen starken Schulgefühle nicht mehr für sich selbst aufbringen kann.

    Es ist unglaublich traurig, wie schnell man in solche Schubladen gedrängt wird und noch mehr, wie sehr sie einen selbst beeinflussen. Vielleicht hat dein Freund auch Angst vor einem Identitätsverlust, wenn er schon jahrelang nur mit den Worten ‚dick und witzig‘ beschrieben wird. Möglicherweise ist sein ‚Fett‘ aber auch einfach seine Schutzschicht. Dort kann sich eben keiner so schnell durchgraben und die Wahrheit, die Wahrheit über ein Erlebnis, über Gefühle oder andere Dinge, welche sie auch seien, ans Licht bringen – und auch er kann sich selbst vor der Konfrontation mit seinen Problemen schützen.

    Das sind jetzt natürlich nur Interpretationsansätze, die mir gerade in die Gedanken kamen. ich kenne ihn nicht, nur wage ich die winzige Vermutung zu machen, dass er sich auf irgendeine Weise angegriffen und zugleich aber gehört fühlt, wenn ihr dem Thema schon mal „gefährlich nah“ kamt. Auch wenn er das Reden nicht annehmen mag – er nimmt jedoch wahr, dass jemand weitläufiger denken kann; dass ihm jemand keinen dicken Stempel, im wahrsten Sinne des Wortes, verpasst.

    Ganz liebe Grüße! 🙂

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    1. Du sprichst einen ganz wichtigen Punkt an: Sein Gewicht ist mit Sicherheit sein Schutzschild. Redet er in einem ironischen Ton von sich, dann kann ihm quasi keiner mehr was. Aber was in ihm vorgeht, können wir vermutlich gar nicht nachvollziehen. Ich glaube sogar, dass ihm selbst nicht bewusst ist, wie jene Einflüsse den Menschen unter Druck setzen können!

      Danke für deinen lieben Kommentar und ganz viele Grüße!!

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