Fast ein Rückfall – Wie konnte das passieren?

Ich bin gesundheitlich stabil. Ich lebe achtsam. Ich esse intuitiv. Und dennoch hätte ich letzte Woche fast einen Rückfall gehabt. Wie konnte das passieren?

Ich bin deshalb so schockiert, weil ich in all den Monaten nicht den Hauch des Drangs verspürt habe. Manchmal kommt es mir fast schon absurd vor, mir vorzustellen, dass es eine Zeit gab, in der ich unter regelmäßigen Essanfällen litt und mich übergab. Ich identifiziere mich kaum noch mit meinem kranken Ich. Ich bin nicht mehr sie. Vielleicht war ich deshalb so entsetzt, dass mit einem Mal wieder die „Scheiß drauf“ Haltung in mir aufkam.

Ich glaube, ich kann auch nur deshalb darüber reden, weil eben nichts passiert ist. Weder kam es zu einem Essanfall noch zu einer bulimischen Kompensationsmaßnahme.

Aber zurück auf Anfang:

Wie konnte das passieren?

Ich will ehrlich mit euch sein: Gerade ist ziemlich viel bei mir los. Ich arbeite an einem neuen Projekt, das mich zwar sehr erfüllt, mir aber auch sehr viel Zeit und Kraft abverlangt. Ich kann kaum an etwas anderes denken. Zudem sind die momentanen Familiendramen blockbusterreif und ebenfalls kräftezehrend. Außerdem ist gerade Corona. Ja, ich bezeichne den Virus als Zustand. Seinetwegen plagen mich Ängste und Einsamkeit. Nicht, dass ich allein wäre – mein Freund und ich leben zusammen und es ist auch nicht so, dass ich gar niemanden sehe – aber ich halte mich dennoch an Social Distancing und merke, wie das Alleinsein auf Dauer mürbe macht. Außerdem neige ich in dieser Jahreszeit dazu, chronisch schlecht gelaunt zu sein. Der Winter halt.

Soweit mein innerer Zustand. Seit Wochen stehe ich in Flammen und versuche das Feuer zu löschen – nur wie?

Und dann zog es mich in die Küche.

Erst aus Hunger, dann aus Langeweile. Irgendwann aus Frust. Hier nahm ich mir einen Apfel, da eine Banane. Manchmal schmierte ich mir ein Brot, ein anderes Mal knabberte ich an der Tafel Schokolade. Es eskalierte zwar nie, aber ich überschritt definitiv mein Limit und hatte am Abend leichte Bauchschmerzen. Dies ging über mehrere Tage so und wurde von Tag zu Tag immer schlimmer.

Und dann kamen die Gedanken.

„Du musst jetzt unbedingt etwas essen.“

„Das alles wächst dir über den Kopf, du musst jetzt unbedingt was essen.“

„Scheiß auf alles.“

„Iss was du willst. Und lass es wieder raus.“

Ganz kurz stand ich davor, meinen Gedanken nachzugeben. Wirklich ganz kurz. Und wisst ihr was? Ich glaube, das, was mich wirklich davon abgehalten hat, war nicht mein „Wille“, sondern die Tatsache, dass mein Freund auch da war und ich nicht in seiner Anwesenheit „ausrasten“ konnte.

Es kam also zu keinem Ess-und Brechanfall und das ist nicht mir, sondern der Tatsache geschuldet, dass ich nicht alleine wohne. Diese Erkenntnis ist sehr ernüchternd und deprimierend, denn ich weiß wirklich nicht, ob ich mich aufgehalten hätte, wenn er nicht dagewesen wäre.

Was bedeutet das jetzt? Stecke ich wieder mittendrin?

Nein. Ich bin nicht wieder drin und das liegt einzig und allein an meiner Entscheidung, nicht drin sein zu wollen. Lediglich bedeutet es, dass ich noch nicht über den Berg bin. Ich kann nicht erwarten, dass ich ein Verhalten, das ich über Jahre praktiziert habe, einfach so ablegen kann. Natürlich kommen schwere Zeiten, in denen die alten Stimmen wieder lauter werden und ich drohen könnte, schwach zu werden. Aber Rückschläge sind nicht die Regel!

Emotionales Essen ist kein Rückfall!

Mir ist außerdem klargeworden, dass emotionales Essen etwas ganz Menschliches ist. Durch meinen Fokus auf intuitive Ernährung habe ich mir in den letzten Monaten immer mehr Essen verweigert, wenn ich nicht wirklich hungrig war. Chips vorm Fernseher, Kuchen als Nachtisch, all sowas. Aber damit habe ich mir auch eine Menge Lebensqualität verboten und mir außerdem nicht erlaubt, auch mal aus emotionalen Gründen zu essen. Manchmal ist das eben so. Emotionales Essen muss nicht in einem Essanfall ausarten, es muss nicht mal „mehr“ Essen sein als sonst. Aber es ist okay. Von nun an werde ich versuchen, weniger streng mit mir zu sein, wenn ich hin und wieder mal aus emotionalen Gründen esse.

Wenn ich in dieser Woche Eines gelernt habe, dann, dass ich noch mehr acht auf mich geben muss. Mein Körper ist überfordert und verlangt nach Ventilen. Ich kann den Stress zwar nicht wegbeamen, aber ich muss lernen, auf eine gesündere Weise mit ihm umzugehen. Was mir dabei hilft, sind kleinste Formen der Meditation, um Körper und Geist ein bisschen runterfahren zu lassen. Zudem versuche ich einen großen Bogen um weitere Stressfaktoren zu machen (überfüllte Einkaufsläden, Streitereien, etc.) Und ich versuche mir nie böse zu sein. Wenn schon das Kartenhaus über mir zusammenbricht, habe ich immer noch mich, die mich zusammenhält.

Soweit meine kleine Geschichte. Ich schäme mich nicht, weil es auch nichts zu schämen gibt. Recovery ist ein auf und ab und es ist nur menschlich, hin und wieder eine harte Zeit durchzumachen.

Werde ich je richtig gesund werden?

Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Post mit euch teilen sollte, weil ich Angst hatte, dass er andere traurig stimmen würde und sie denken könnten, dass sie niemals richtig gesund werden würden. Aber ich glaube schon dran. Ich bin zwar selbst noch nicht soweit, aber ich glaube daran, dass ich es eines Tages sein werde. Mein Leben mit der Essstörung lässt sich mit einem Buch vergleichen. Ich habe es gelesen und steuere nun die letzten Seiten an. Doch auch die muss ich lesen, ehe ich es endgültig zuklappen kann.

Verzagt nicht!

Nach den schlechten Zeiten werden wieder gute kommen. Gebt auf euch acht und seid gut zu euch! ❤

15 Kommentare zu „Fast ein Rückfall – Wie konnte das passieren?

  1. Weißt du was? Tatsächlich bin ich dir total dankbar, dass du diesen Beitrag geschrieben hast und auch, dass du ohne deinen Freund wahrscheinlich nicht gegen den Druck angehalten hättest. Das zeigt mir persönlich, dass auch mentale Rückfälle (also nicht nur Handlungen) „normal“ sind und trotzdem nichts über einen selber und den „Erfolg“ der Heilung aussagen, sondern eher darauf hinweisen, dass man in bestimmten Bereichen wieder mehr und intensiver auf sich achten muss. So würde ich es glaube ich generell interpretieren: als einen Hinweis darauf, dass deine Seele ein wenig mehr Fürsorglichkeit braucht 🖤

    Übrigens merke ich aktuell etwas ähnliches. Ich habe meistens dann Essanfälle, wenn ich mich abends nicht mit Freunden zum discorden oder ähnlichem verabredet habe und komplett alleine bin, aber gleichzeitig „bräuchte“ ich die Essanfälle aktuell gar nicht so dringend als Kompensation im Vergleich zu vor ein paar Wochen. Falls das Sinn ergibt?

    Ganz liebe Grüße!

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  2. O wow – Dein Text macht mich sehr betroffen, weil ich die Gründe für das „fast“ so gut verstehen und nachempfinden kann. Ich kenne diese Gründe gut und weiß, dass sie etwas mit uns machen.

    Ich bin unendlich froh, dass Dein Freund da ist, dass er Dir Halt gibt, der in diesen Zeiten wohl noch viel wichtiger ist als irgendwann.

    Ich sehe aber auch, dass Du mittlerweile sehr stark geworden bist, denn letztendlich hast DU „die Kurve“ gekriegt und das in einer Situation, wo es so vieles gab/gibt, was Dir zusetzt, Deinen Weg steiniger sein lässt. Und dazu braucht es schon eine Grundstabilität, die ohne Zweifel das Ergebnis Deines schon langen, im Rahmen der Recovery zurückgelegten Weges ist. Darüber freue ich mich mit Dir und für Dich.

    Weiß trotzdem, das ich IMMER und JEDERZEIT für Dich da bin, als Freund, als „Skill“, als alles, wenn es für Dich nur gut und wichtig sein kann!

    Nur die liebsten Grüße an Dich! 💖💖💖

    Gefällt 4 Personen

  3. Ich finds toll, dass du das hier mit uns teilst – danke dafür! Eine Recovery ist eben anstrengend und niemand ist perfekt! Es ist allein schon stark, dass dir dein verändertes Essverhalten aufgefallen ist und du ehrlich zu dir selbst bist. Den Teil über emotionales Essen fand ich gerade richtig aufschlussreich. Du schaffst das, das ist eben keine einfache Zeit, aber es wird besser und sich an diese Aussicht zu klammern, hilft, finde ich.

    Gefällt 3 Personen

  4. Hallo Mia!

    Danke für deinen ausführlichen Beitrag. Es ist sehr spannend für mich, denn ich stecke in einer ähnlichen Situation. Grundsätzlich geht es mir total gut, aber von Zeit zu Zeit – manchmal auf den ersten Blick ohne erkennbaren Grund, auf den zweiten aber natürlich schon erkennbar – poppen alte Strukturen wieder auf.

    Für mich ist der Schlüssel in deiner Geschichte dieser Satz: „Soweit mein innerer Zustand. Seit Wochen stehe ich in Flammen und versuche das Feuer zu löschen – nur wie?“

    Ich habe in meinem Leben gelernt durchzuhalten, zu funktionieren, meine Gefühle und Bedürfnisse zu verdrängen. Vielleicht ist das auch bei dir so?

    Denn wenn du seit Wochen „in Flammen stehst“ wäre eine natürliche Reaktion darauf, die Umstände zu verändern und nicht mehr weiter zu funktionieren. Denn das ist die größte Falle meiner Meinung nach beim Essen. Wir funktionieren so lange, bis nichts mehr von uns selbst übrig ist und wir keinen eigenen Handlungsspielraum mehr haben außer zu essen/essen zu verweigern/zu erbrechen. Das ist die letzte Bastion, das letzte, das uns niemand wegnehmen kann. Deshalb ist das Essen so mächtig!

    Es ist an der Zeit rechtzeitig stop zu sagen und sich anders zu verhalten als immer.

    „Wahnsinn ist, immer das selbe zu machen und zu erwarten, dass das Ergebnis ein anderes sein wird.“ So ähnlich heißt es und das ist wirklich wahr. Nur wenn ich mich anders verhalte als gewohnt, kann ich wirklich etwas verändern.

    Ich wünsche dir das allerbeste und dass du einen Weg findest, die derzeitige Situation so zu verändern, dass sie wieder für dich passt!

    vlg, Maria

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe Maria, danke für deinen Kommentar! Du hast völlig recht, ich muss rechtzeitig Stopp sagen. Die Situation gerade ist nur eine sehr spezielle; eine Ausnahmesituation, in der ich in wenig Zeit viel abliefern muss und generell einiges zusammenkommt, was ich nicht kontrollieren kann. Ich hoffe, dass uns beiden der Umgang zukünftig etwas leichter fallen wird!

      Liebe Grüße!

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      1. Liebe Mia!

        Ich weiß, genau das ist die Falle. Es ist eine spezielle Ausnahmesituation. Deshalb muss ich funktionieren. Deshalb darf ich nicht schwach sein. Deshalb muss ich durchhalten. Wenn das vorbei ist, dann… Deshalb BRAUCHE ICH JETZT AUF DER STELLE WAS ZU ESSEN. Um durchzuhalten. Um weiterhin zu funktionieren. Um nicht schwach zu sein.

        In Wahrheit sperrt sich alles im Körper dagegen. Er schreit laut: Ich will nicht durchhalten. Ich will nicht funktionieren. Ich will, dass du mich siehst, auf mich hörst. Aber wir gehen darüber hinweg, auf die flehentliche Bitte doch anders zu agieren.

        Es gibt immer eine Wahl. Es gibt immer Möglichkeiten sich anders zu entscheiden. Ich möchte dir Mut machen noch einmal genau hinzuschauen, ob du wirklich keinen Handlungsspielraum hast. Manchmal reicht es schon zu erkennen, dass es möglich wäre anders zu handeln, um der Spirale der Hilflosigkeit zu entkommen. Auch wenn es an dem, was man tut, nichts verändert. Aber dann ist es eine Entscheidung, die man aktiv trifft. Nicht funktioniert, weil es nicht anders geht, sondern funktioniert, weil man sich dafür entschieden hat. Und oft nimmt das den Essdruck raus.

        vlg, Maria

        Gefällt 2 Personen

  5. Hej Mia!
    Ich schließe mich den anderen an und ich finde es super, dass du auf deinem Blog solche Themen zum Ausdruck bringen kannst.:)

    Ich bin mit dem Thema Essen sehr in Balance, aber ich habe andere Ängste und werde immer wieder in Müdigkeitsanfällen zurückgeschubst.

    Ich wünsche dir viel Kraft und einen baldigen, tollen Frühling🍓🍀😊

    LG juliane aus Hamburg

    Gefällt 1 Person

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