Sportbulimie: Der Beginn und das Ende meiner Sportsucht

Ich beginne das neue Jahr mit der Bitte zu einem Erfahrungsbeitrag für eine sehr liebe Lesern: Kary von Über das Leben und lieben hatte mich nach meinem Verhältnis zum Sport gefragt, und wie es mir gelang von der „Sportsucht“ loszukommen. Hier also meine Geschichte:

In den Anfängen meiner Essstörung dachte ich nicht im Traum daran mich nach dem Essen zu übergeben. Ich empfand es als seltsam und schon fast abartig. Was ich jedoch nicht abartig fand, war mein Zwang zum exzessiven Sport.

Vom einen Extrem zum anderen Extrem

Vor meiner Essstörung war ich das, was man im Allgemeinen als faul bezeichnet. Ich war zwar einigermaßen athletisch gebaut, aber nicht wirklich trainiert. Um etwas an meinem Körper zu ändern, war ich jedoch zu motivationslos. Ich wollte mich nicht abrackern, nur um schöner zu sein.

Dann jedoch begann der Fokus auf meinen Körper. Ich ging öfter Joggen, machte ein paar Sportübungen in meinem Zimmer und meldete mich schließlich im Fitnessstudio an. Der große Ansporn war eine alte Freundin aus der Schulzeit, die in meiner Nähe wohnte und mich motivierte mit ihr zu einem Sportkurs zu gehen. Das erste Mal in dem Kurs war (Hardcore Cardio) war grauenvoll, das zweite auch; das dritte hingegen war viel leichter als gedacht. Er machte sogar Spaß. Fortan ging ich immer mit meiner Freundin zu den Sportkursen; erst nur Samstags, dann auch dienstags, mittwochs, donnerstags, freitags,…

Ich ging zu oft. Ich liebte es. Ich war konsequent. Ich „borgte“ mir irgendwann die Pulsuhr meiner Mutter und zählte fortan meine Kalorien. Die meisten Sporteinheiten bestanden aus radikalem Kalorienverbrennen. Hinzu ernährte ich mich seinerzeit lowcarb. Es war nur eine Frage der Zeit bis irgendwann die Heißhungerattacken einsetzten, weil mein Körper viel zu wenige Nährstoffe in sich hatte.

Vom Extremsport zurück zum ExtremNICHTSport

Nach einer Weile fiel mir auf, dass nach dem Sport immer in einen Essanfall verfiel, weil mein Gehirn sich dachte, dass ich es mir leisten könnte. Stattdessen nahm ich zu, weil mein Körper durch die vielen Monate „magern“ im Stromsparmodus war und für mögliche Hungerzeiten Fett lagerte. Ich machte also noch mehr Sport, um es auszugleichen (Sportbulimie), doch es wurde immer schlimmer.

Irgendwann verzichtete ich freiwillig auf den Sport, weil ich immer fürchtete, danach so ausgehungert zu sein, dass ich erneut über meinem Limit aß.

Aber es war nicht nur das – so nach und nach kam ich aus dem Sport raus. Vielleicht kennen die ein oder anderen das Phänomen, dass es total schwer ist in den Sport reinzukommen, man danach aber kaum noch darauf verzichten kann. Genauso war es bei mir.

Es ging trotzdem nicht ohne Sport

Natürlich konnte ich es meinem essgestörten Wesen nicht antun, völlig auf diverse sportliche Aktivitäten zu verzichten. Ich tat es außerdem auch nicht nur, weil ich abnehmen wollte, sondern auch, weil ich das Gefühl von Vitalität liebte.

Zunächst fuhr ich regelmäßig Fahrrad. Ich bewegte mich und besänftigte mein Gewissen. Aber jetzt, seitdem ich umgezogen bin, ist mir das Fahrradfahren hier in der Stadt etwas riskant, wenn ich nicht von einem Laster überrollt werden will.

Anschließend betrieb ich zu Hause ein bisschen Sport. Ich sprang 500x mit dem Seil und machte ein paar Sportübungen mithilfe einer App. Aber nach und nach wurde es weniger.

Heute mache ich keinen Sport mehr

Der Sport ist momentan kein Teil meines Lebens. Und das ist okay. Irgendwnann würde ich mich freuen, wenn er es wieder täte, aber selbst nach 2 Jahren Pause merke ich, dass ich noch immer nicht soweit bin. Ich will nicht erneut vom einen Extrem ins andere rutschen.

Aber ich fühle mich nicht ungesund. Meine Figur und ich mögen uns nicht immer, aber sie beklagt sich nicht darüber, dass ich zu wenig Sport betreibe.

Was mich heute fit hält, ist das Laufen. Wenn man kein Auto hat und/oder in Berlin wohnt, muss man das zwangsläufig auch.  Ich spaziere 2x in der Woche zum Markt bei mir am Wasser und laufe manchmal 40 Minuten mit Musik in den Ohren zu meinem Freund, obwohl ich mit dem Bus nur 10 Minuten brauche. Das Laufen reicht mir momentan vollkommen als Ausgleich. Und wenn ich mich einen Tag lang gar nicht bewege, dann gebe ich zu, dass ich mich ein wenig komisch fühle. Aber wie ihr seht, bin ich nach all den Jahren noch immer am struggeln. Und ich werde weitermachen 🙂

So viel also zu der Geschichte vom Beginn und Ende meiner Sportsucht.

Kennt ihr die Situation? Hattet ihr ähnliche Erfahrungen? Gab es etwas, das euch geholfen hat?

PS: Falls euch das Thema interessiert, könnt ihr auch bei meinem Beitrag Sport-Druck -Auslöser für Essanfälle #2 vorbeischauen!

PPS: Auch könnt ihr euch ja mal meinen Brief Liebe Fitness Blogger… mal durchlesen!

 

12 Kommentare zu „Sportbulimie: Der Beginn und das Ende meiner Sportsucht

  1. ach ja, das kenne ich auch! Sport gibts bei mir auch nur extrem oder aber in homöopathischen Dosen, momentan eher Letzteres. In meinen Sportsucht-Zeiten kam ich auf 4 Stunden Sport pro Tag (und 8 Stunden Arbeit!) – manchmal auch mehr, nur Arbeit, Sport, Schlafen. Ich hatte damals immer extrem viel Hunger und habe reingestopft was geht, deshalb nahm ich durch den ganzen Sport auch nicht ab. Natürlich auch nicht zu, ich verbrannte ja alles, was ich aß.

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    1. Ja, das kenne ich sehr gut. Eine Sportsucht verleitet dazu sich in einem Extrem zu zeigen. Extremer Sport – extremer Hunger – extremes Essen – extremer Frust, weil man nicht abnahm…Ein blöder Teufelskreis. Deine homöopathischen Dosen finde ich viel vernünftiger!

      Liebe Grüße!

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  2. Oh, wow, wie toll! Da warst du aber schnell. 😀 Danke dafür, dass du meinen Wunsch nach diesem Beitrag nachgekommen bist, da freue ich mich aber. 🙂 Also jetzt verstehe ich eindeutig besser, wie das mit dem Sport bei dir war. Interessant, dass du es dann sein lassen wolltest, aber doch immer wieder das Bedürfnis hattest, weiterzumachen. Genau das ist es, was mich gerade noch belastet… Da mich einfach mein schlechtes Gewissen plagt, wenn ich keinen Sport mache. Aber du hast Recht: Ich merke auch, dass ich definitiv eher zu einem Essanfall neige, wenn ich Sport gemacht habe! Stattdessen gehe ich auch viel häufiger einfach Spazieren. Fahrradfahren finde ich hier auch eher schwierig. 😉 Deshalb musste ich bei dem Satz mit dem Laster auch laut lachen… 😀 Und wenns kein Laster ist, dann ne Tram… Vielen Dank noch einmal für den Einblick und, wie immer, allerliebste Grüße! 🙂

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  3. Das klingt sehr heftig. Im Ansatz kann ich sogar ein bisschen nachvollziehen, was du beschreibst.

    Bei mir war alles verhältnismäßig harmlos, ich wurde angetrieben vom Gefühl, mich auspowern zu müssen, damit ich nach der Arbeit zur Ruhe komme. Da war ich dann 5 x die Woche laufen. Es war wie eine Sucht, glücklicherweise ohne Essstörung.

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  4. Ich kann mir nicht vorstellen, sportsüchtig zu werden. Obwohl ich gerne Sport treibe und das auch wichtig für mein Wohlbefinden finde. Aber ich habe schon von vielen Fällen gehört und ich denke, dass sehr häufig Frauen davon betroffen sind. Was außer der Gewichtskontrolle noch mit eine Rolle spielt, sind wohl die körpereigenen Opiate, die da irgendwann ausgeschüttet werden.
    Ich sehe aber an deinen Ausführungen, dass du eine gute Balance gefunden hast. Du sorgst für Bewegung, machst dir aber keinen Zwang mehr daraus.

    LG
    Sabienes

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