Familienessen: Das Verheimlichen einer Essstörung

„Der Raum ist voller Menschen, doch ich fühle mich alleine. Keiner kennt die Wahrheit, keiner weiß, was in mir vorgeht.  Es ist, als wäre ich unsichtbar.“

Montagabend – ein Restaurantdinner. Die ganze Familie war versammelt, aber nicht meine. Ich lernte erstmals die Familie meines Freundes kennen und dafür gingen wir schick essen. Wir suchten uns ein italienisches Lokal aus, mit einem schönen rustikalen Ambiente und Backsteinwänden.

Ich muss nicht erwähnen, dass ich ziemlich nervös war und einen netten Eindruck machen wollte. Und deshalb widersprach ich auch nicht, als sich die Mehrheit für ein nettes Pizza-Essen entschied.

Pizza…Meine persönliche Hölle und mein Paradies zugleich. Ich tue mich nach all der Zeit noch immer schwer damit, ungesunde und kalorienreiche Nahrung, wie Pizza zu mir zu nehmen. Danach fühle ich mich schlecht, habe das Bedürfnis, drei Mal um den Block zu rennen und die nächsten Tage zu fasten.

Ich bin noch immer nicht an dem Punkt gelangt, an dem ich das Essen richtig genießen kann und mir keine Hintergedanken dabei machen muss. Und ich weiß, dass diese Einstellung falsch ist.

Jedenfalls stand ich vor einer komplizierten Situation. Alle bestellten eine Pizza und ich fühlte mich im Stillen aufgefordert, auch eine zu bestellen. Mein Kopf drohte zu zerplatzen. Was sollte ich tun? Es gab niemanden, mit dem ich in diesem Moment reden konnte.

Mein Freund weiß zwar Bescheid, doch für ihn sind diverse Essstörungen oft ein und dasselbe. Anorexie, Bulimie, Binge-Eating…Alles in die Kategorie Magersucht einzuordnen, und Bulimie und Binge-Eating sind höhere Levels. Ich bin müde, es ihm wieder und wieder erklären zu müssen.

Diejenigen, die auch eine Essstörung haben, wissen nämlich, dass dies nicht der Fall ist. Bei Anorexie geht es um die zwanghafte Kontrolle, nicht  essen zu können und bei Bulimie und Binge-Eating eher um die Kontrollosigkeit, nicht aufzuhören und sich schlecht zu fühlen. In meinem Werdegang der Krankheit hatte ich zuerst das eine und dann das andere. Und die Pizza hätte mich in eine erneute Schleife der Kontrollosigkeit getrieben.

Ich entschied mich als Einzige für ein Nudelgericht, wohingegen der Rest genüsslich einen Traum aus passierten Tomaten und Käse mampfte. Ich hatte große Angst, dass sie mich für eine schlanke Göre halten würden, die krankhaft auf ihre Figur achtet und keine Lebensqualität kennt. Und selbst wenn in dieser Theorie ein Fünkchen Wahrheit stecken könnte, so würden sie vermutlich nicht darauf kommen, dass meine Essstörung eine seelische Krankheit ist und meine Kontrollosigkeit nichts mit fehlender Disziplin zu tun hat.

Mein Nudelgericht blieb unkommentiert und ungeachtet dessen schafften sie es, mich trotzdem zu mögen. Vielleicht bildete ich mir zu viel ein und ging automatisch von negativen Hintergedanken aus, aber am Ende des Tages war ich froh, die Pizza nicht bestellt zu haben. Ich war noch nicht so weit. Und dass ich noch nicht stark genug war, mir nichts dabei zu denken, braucht auch seine Zeit.

Der Weg ist unendlich langsam und manchmal bleibt man stehen. Doch lieber stehenbleiben, als zurücklaufen.

Irgendwann wird es mir möglich sein, das zu bestellen, was ich möchte und ein gesundes Empfinden dabei zu haben.♥

Titelbild gefunden auf http://www.pexels.com

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s